Weltpremiere: Die vier großen Schulen beim gemeinsamen Auftritt

Eine Weltpremiere:

Die vier großen europäischen Reitschulen in Paris 

Es war ein kleines Wunder, das von der Reiterwelt mit Spannung erwartet wurde: Die vier großen europäischen Schulen der klassischen Reiterei trafen sich vom 23. bis 25. November 2007 zu drei gemeinsamen Vorstellungen im Palais Omnisports in Paris-Bercy. Jeweils etwa 12.000 Zuschauer, Pferdebegeisterte aus der ganzen Welt, ließen sich dieses Ereignis nicht entgehen.   Richard Hinrichs, Präsident des Bundesverbandes klassisch-barocker Reiterei, beschreibt für die Dressur-Studien das einzigartige Erlebnis.

                                                                          

Zum ersten Mal trafen sich der Cadre noir aus Saumur (Frankreich), die Spanische Hofreitschule Wien (Österreich), die königliche andalusische Reitschule Jerez (Spanien) und die portugiesische Hofreitschule Queluz/Lissabon. Mit besonderer Spannung wurde der Auftritt der ältesten Institution, der 1572 gegründeten Spanischen Hofreitschule Wien, erwartet. Bei deren 400-Jahr-Feier im Jahre 1972 äußerte der mit Pferden als Gast eingeladene spanische Stierkämpfer (Rejoneador) Alvaro Domecq den Entschluss, eine vergleichbare Einrichtung in Andalusien zu schaffen – gesagt und 1973 getan.  Bei der Ausbildung der ersten Pferde half ihm der damalige Leiter des portugiesischen Staatsgestüts Alter Real, Dr. Guilherme Borba, und verwirklichte 1979 selbst den Wunsch, in Portugal mit einem entsprechenden Projekt nachzuziehen. „Geburtshilfe“ gab es für beide Gründungen aus Wien nicht nur in Form von Ratschlägen zur Organisation und diplomatischer Fürsprache: General Kurt Albrecht schuf auch die Möglichkeit für einige iberische Reiter, Schüler an der Wiener Hofreitschule zu werden, so für Alvaro Domecq und seine Bereiterin Mercedes Gonzales aus Spanien sowie aus Portugal für Dr. Guilherme Borba, Jose d’Athaide und den heutigen Schulleiter Dr. Filipe Graciosa. Nun konnte man in Paris gespannt sein, wie sich die Institute der ehemaligen Schüler der Spanischen Hofreitschule Wien entwickelt haben. Erwarten doch viele Zuschauer von den  beiden Instituten der iberischen Halbinsel weniger Drang zur perfekten Ausführung und mehr Lockerheit sowie Sinn für Effekte als Ausdruck südländischer Lebensart als bei der Wiener Schule. 

 
Eine Sonderstellung nimmt in diesem Zusammenhang der Cadre noir aus Saumur ein: Er hat als früherer Bestandteil der Kavallerieschule einen militärischen Ursprung und eine ebensolche Tradition. Im 19. Jahrhundert, im Anschluss an die französische Revolution gegründet, war seine Aufgabe nicht die Pflege der Reitkunst, sondern die Kampfreiterei. Das reiterliche Gedankengut aus der Zeit vor der französischen Revolution 1789, des sogenannten „ancien Régime“,  wurde abgelehnt und alles Neue begrüßt. Kein Wunder, dass sich in der Folge ein eigenständiger Stil entwickelte, der mit Einschränkungen noch heute spürbar ist. Gegenwärtig untersteht der Cadre noir dem Ministerium für Jugend und Sport und dient der Reitlehrerausbildung für die unterschiedlichen Sparten der Turnierreiterei. 

In Saumur finden vorwiegend  französische Reitpferde (chevaux de selle francais) und andere Rassen wie Vollblüter und Angloaraber Verwendung, die auch zum Springen geeignet sind. Dagegen werden in den Schulen in Jerez ausschließlich Andalusier (PRE) gezeigt, in Portugal Lusitanos des Gestüts Alter Real  und  in Wien Lipizzaner, die im Wesentlichen auf spanische Ahnen zurückgehen und damit zur Namensgebung für die Spanische Hofreitschule beigetragen haben. Gemeinsam haben Andalusier, Lusitanos und Lipizzaner eine besondere Versammlungsfähigkeit und Talent für Lektionen der Hohen Schulen. Das gehört zu den Eigenschaften, für die sie seit Jahrhunderten in der Zucht selektiert werden.

Besonders spannend war für viele Besucher in Paris der direkte Vergleich der Schulen. Schon die ersten Eindrücke ließen auf erfreuliche Weise deutlich werden, dass es hier nicht auf den Sieg in einer Konkurrenz ankam, sondern auf die gemeinsame Gestaltung schöner Bilder, die dazu beitragen können, das Leben in einer Technik geprägten Zeit für viele Menschen lebenswert zu machen: Schon der kultivierte Enmarsch war für die Zuschauer ein unvergessliches Erlebnis: 32 stilvoll gekleidete Reiter mit ihren festlich gesattelten und gezäumten Pferden kamen in Vierer-Reihen, die Vertreter der vier Schulen dabei jeweils hintereinander, in die Bahn. Dazu erklang die Europa-Hymne „Freude, schöner Götterfunken…“..

 Nach harmonischen Ausschnitten aus der Arbeit in der Hohen Schule mit landestypischen Elementen durch die Portugiesen sah man „Caballos de Campo“, eine schwungvolle Vaquero-Quadrille der Spanier, die Gedanken an südliche Sonne aufkommen ließ und dabei geradezu preußisch-exakt geritten war. Danach verdeutlichten die Saumurer den Charakter des Abends als großes Fest mit „À la belle Époque –Gaîte Parisienne“: Inmitten einer Gesellschaft von einträchtig-fröhlich trinkenden Reitern der beteiligten Schulen überwanden zwei elegant sitzende Reiter mit ihren Pferden des Cadre noir unter anderem Tische und Stühle und lenkten damit erfolgreich ab von einer nur leistungsbezogenen Betrachtungsweise.

 
Es folgte ein euphorisch bejubeltes, souverän gestaltetes Solo am langen Zügel seitens Andreas Hausberger, mit dem Lipizzanerhengst Conversano Dagmar, aus der Wiener Hofreitschule.

 Besonders reizvoll war die Arbeit an der Hand, einschließlich Schulen über der Erde. Vorgeführt wurde sie  mit jeweils circa drei Pferden aus jeder Schule, die alle zusammen in die Arena kamen und nach einander ihre Lektionen präsentierten. Sehr beeindruckend kraftvoll und genau bestimmt waren zum Beispiel die Capriolen der Portugiesen. Deren Pferde waren außerdem so passend  ausgebunden, dass die Nasenlinie generell nicht hinter die Senkrechte kam – einfach schön!

Akrobatische Höchstleistungen waren bei den Courbetten der Spanier zu bewundern, ausgeführt als mehrfache Sprünge auf der Hinterhand ohne Landen mit den Vorderbeinen  Es bleibt zu wünschen, dass weise Schulleiter und Oberbereiter aller Schulen den Ehrgeiz der Ausbilder begrenzen, um eine Konkurrenz um die meisten Absprünge und damit eine Überforderung der Pferde zu verhindern.

 
Das anschliessende Pas de quatre der Portugiesen präsentierte sich durch  in Spannung gehaltene Harmonie , etwas, das  jedes Kunstwerk auszeichnet. 

                                                

Es folgte die Quadrille des Cadre noir, die “Reprise de Manège“, mit einer schönen und abwechselungsreichen Choreographie.                                                                                                           

Die gerittenen Schulen über der Erde, wieder mit etwa zwölf Pferden aller Schulen gleichzeitig in der Bahn, hatten ebenfalls viele Höhepunkte, Momente, in denen der Reiter intensiv lebt und für die es sich zu leben lohnt. Beim Ausritt im flotten Galopp unter Anführung der Saumurer zeigten einige Pferde als Zugabe noch bemerkenswerte Freudensprünge.

 Das Solo „Fantaisie Olympique“ von Rafael Soto auf dem auch in internationalen Dressurprüfungen erfolgreich vorgestellten Hengst Invasor, kraftvoll geritten, begeisterte  das Publikum, das mit Beifall nicht sparte.

 Die Wiener Schulquadrille mit ihrer gelungenen Verbindung von Natur und Kultur wurde als Maßstab bildende Leistung entsprechend gewürdigt.

Das Abschlussbild - 40 Reiter und Pferde der teilnehmenden Schulen zum Klang der Europahymne - machte den Zuschauern deutlich, dass wir in der klassischen Reiterei immer wieder mit Kunstwerken für Momente zu tun haben, die aber in der Erinnerung lebendig bleiben und damit das zukünftige Leben beeinflussen können – sowohl der Reiter als auch der Zuschauer! Dabei ist es auch eine Frage des persönlichen Geschmacks, welche künstlerischen Akzente unterschiedlichen Zuschauern am besten gefallen haben – und über Geschmack sollte man bekanntlich nicht streiten!

  

Der Autor Richard Hinrichs ist der Präsident des Bundesverbandes klassisch-barocker Reiterei und im Fachbeirat der Dressur-Studien.

 

Links:

 

Spanische Hofreitschule Wien - Österreich

Cadre Noir Saumur - Frankreich

Hofreitschule Jerez - Spanien

Hofreitschule Portugal