Weitere Leserbriefe zum losen Rücken

Gerd Heuschmann, Münster

 

Liebe Frau Getsch,

es scheint mir so zu sein, dass Sie die erste Person sind, die

versteht, was ich sagen möchte. Ich werbe für Toleranz und Verständnis

für anders denkende Ausbildungsphilosophien, die das Wohl des Pferdes

im Mittelpunkt ihrer Ausbildung sehen. Für mich ist der Reiter ein

guter Reiter, der sein Pferd ohne Verspannung und damit ohne

Schädigung des Körpers und der Psyche zu reiten vermag. Auch ich bin

mir nicht sicher, ob der Begriff "loser Rücken" sehr glücklich gewählt

ist, weil Udo Bürger 1959 in seinem Buch "Vollendete Reitkunst" doch

einen gewissen negativen Beigeschmack im Zusammenhang mit diesem

Begriff hinterläßt. Dr. Stodulka und ich haben in letzter Zeit in

stundenlangen Gesprächen festgestellt, dass die Fachsprache in der

Reiterei nicht zwingend von jederman verstanden wird. Ein gutes

Beispiel hierfür ist der Begriff "Schwung", der aus der Sicht der HDV

12 offensichtlich völlig anders definiert ist, als aus

französisch-portugisischer Sicht. Ich weiß, dass Bestrebungen

bestehen, eine einheitliche Nomenklatur zu entwickeln. Ich glaube

jedoch, dass es nicht einfach sein wird, ein solches Wörterbuch zu

verfassen - ich glaube, es muss ein sehr langer, ausführlicher und

intensiver Gedankenaustausch vorausgehen.

Lassen Sie uns weiter zum Wohl des Pferdes arbeiten. Nochmals

herzlichen Dank für Ihre Unterstützung.

 Mit freundschaftlichem Gruß

Gerd Heuschmann

 

Birgit Getsch

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Kritik an Herrn Dr. Heuschmann hat mich mal wieder überhaupt nicht
verwundert, müßten sich so auch namenhafte Ausbilder eingestehen, daß
auch noch andere Reitmethoden zur Kunst im Reiten führen. Allerdings
möchte ich hier auch keine Kritik an irgend jemanden senden, sondern
lediglich meine Meinung hierzu äußern.

Man kann ein Pferd sehr wohl ohne Anlehnung und losen Rücken zur
Versammlung bringen nur dauert diese Arbeit halt einfach sehr lange.
Ich frage mich auch, ob hier der Begriff "loser Rücken" letztendlich
auch zur Verwirrung führt.

Ich selber binde bei meiner Arbeit (ob unter dem Sattel oder an der
Hand), selbst das junge nicht gerittene Pferd, nicht aus und bringe es
trotzdem zum selber tragen. Diese Arbeit muß man halt nur können und
sie dauert halt nicht nach Schema a und b einen Monat, sondern unter
Umständen länger. Es ist schlichtweg falsch, daß ein Pferd nicht
piaffieren oder passagieren lernt ohne Anlehnung. Meine Pferde gehen
alle ohne Anlehnung und losen Rücken auch in die Versammlung nur ist
vielleicht der Ausdruck nicht umbedingt zu vergleichen mit den
heutigen Pseudo Piaffen und Passagen, die zum Teil auch eher zu
Showzwecken verwendet werden. Vielleicht kommen die Bewegungen ohne
Anlehnung der natürlichen Bewegung auf der Koppel näher. Was sehr wohl
auch schön aussehen kann. Zumindest ist es leicht und frei.

Hierzu gleich eine kleine Geschichte: " Ein kleines Mädchen hatte
Unterricht und fragte nach der Verbindung zum Pferdemaul. Daraufhin
sagte die Reitlehrerin: " Stell Dir vor Du hast kleine Vögelchen in
den Händen und diese dürfen nicht verletzt werden." Einige Monate
später schaute das Mädchen einen namhaften Reiter zu, der die höchsten
Lektionen ritt. Als das Mädchen wieder zur Reitlehrerin kam um weiter
zu lernen, sagte sie nur: "Alle Vögelchen waren tot!!!". Passend kann
man es nicht ausdrücken.

Ich stimme in allen Punkten Herrn Dr. Heuschmann zu und kann nur
bestätigen das meine Pferde im Rücken wie auch an den Beinen auch im
hohen Alter (trotz manchen Gebäudemängeln, wie z. B. langer Rücken)
noch gesund sind und trotzdem schön gehen.

Mit freundlichen Grüßen

Birgit Getsch

 

Micaela Cojocaru, München:


(...) Zunächst weiß ein iberisches Pferd nicht, dass es iberisch ist. Es hat, wie jedes andere Pferd, vier Beine, die schwungvoll gehen sollen (!), einen Rücken, der stark genug sein soll, den Reiter zu tragen, einen Hals, mit dem sich das Pferd vor allem am Anfang der Ausbildung ausbalanciert, und ein Maul, das lebendig bleiben soll, um einen guten Kontakt zu halten. Wenn sich Interessenten bei uns wegen Kursen melden, räume ich daher immer als erstes mit dem Vorurteil auf, dass es einen bestimmten „Trick" bei der Ausbildung der Pferde gibt, bzw. dass nach einem bestimmten einzelnen einzigen Ausbilder und seinen Lehren gearbeitet wird. Iberische Pferde haben andere Stärken und
Schwächen als ein Warmblüter, auf die in der Ausbildung natürlich geachtet werden muss. Aber der Muskel eines iberischen Pferdes braucht genauso lange, um kräftig zu werden, wie bei einem anderen Pferd. Hinsichtlich des „losen Rückens": Tatsächlich sind uns bei unseren Kursen des öfteren spanische Pferde begegnet, die einen schwachen Rücken haben. Konsequenz: Die Schüler werden angehalten, die Rückenmuskulatur zu stärken! Denn ein in der Mitte "gebrochenes" Pferd (dies ist in Spanien die Meinung zu einem „losen Rücken"!) kann keine Topleistungen erbringen, und, was noch wichtiger ist: Die Gesundheit kann sehr wohl gefährdet werden (wenn eine falsche Aufrichtung erzwungen wird etc.). Zum Thema Schwungentstehung: Physikalisch ist dies definiert mit Impuls, Geschwindigkeit u.ä. Eine Anlehnung ist zunächst für Schwung nicht notwendig. Aber: Natürlich wollen auch iberische Ausbilder einen Kontakt zum Pferdemaul haben, um alle schwierigen Lektionen ausführen zu können und einen positiven „Spannungsbogen" (nicht Gespanntheit) zu erhalten.


Und nicht zuletzt, was die Knieaktion angeht: Wenn man die Pferde in natura oder auf Videos betrachtet, ist dabei festzustellen, dass der Raumgewinn und auch der mögliche Schwung nicht davon abhängt, ob das „Pferdeknie" (es ist ja nicht das Knie) zunächst nach oben greift und dann nach vorne. Die Qualität der Schulter spielt eine Rolle für den
möglichen Raumgriff und vor allem: die Kraft der Hinterhand. Iberische Pferde zeigen meist nicht den spektakulären Trab in jungen Jahren, aber sie lernen ebenso Raumgriff und die Möglichkeit zu starkem Trab, wenn die Hinterhand entsprechend bemuskelt und gekräftigt wurde. (...)


Gudrun Schultz-Mehl, Uetze


(...) Neu ist für mich der Begriff „loser Rücken". Ich bin mit meinen Gedanken schließlich beim Jog der Westernpferde hängen geblieben, obwohl Dr. Heuschmann ihn in seinem Beitrag mit der klassischen Ausbildung nicht in Zusammenhang bringt. Ich bin zwar eine Anhängerin der klassischen Ausbildung, begreife aber dennoch, dass der Jog tatsächlich einen schonende Art ist, sich auf dem Pferd über lange Distanzen bewegen zu können. Hier könnten sich klassisches Ausbilden und Westernstil zum Nutzen der Pferde sinnvoll
ergänzen, mit dem Nebeneffekt, dass sich die beiden "Reiterparteien" dabei näher kämen und mehr voneinander profitieren könnten. Denn was stünde dagegen, dass ich zwar mein Pferd klassisch ausbilde, aber die Vorteile des Jog für mein Pferd bei Erholungsritten in Feld und Wald ergänzend ebenso beherrsche? Auf klassisches Reiten bezogen, wäre der "lose Rücken" demnach so eine Art erholsamere Arbeitsbewegung im Trab und Galopp zwischen den Lektionen mit Anforderungen der hohen und höchsten Versammlung. Auf das energische Vorwärts der Mittel- und starken Tempi wird also weitgehend verzichtet, da diese ohne Anlehnung nicht zu erreichen sind. Das wäre für mich nicht akzeptierbar, eben weil, wie Dr. Heuschmann auch bestätigt, bei einem losen Rücken kein Schwung erzeugt werden kann, der für diese Verstärkungen aber notwendig ist.

Ich verstehe gutes Reiten nur unter dem Aspekt, die ganze Herrlichkeit der natürlichen Bewegungen eines psychisch und physisch gesunden Pferdes auch unter dem Reiter hervorzuzaubern. Wo diese breite Palette der Ausbildung aller natürlichen Bewegungselemente um der Spezialisierung willen auch nur in einem Punkt vernachlässigt wird, kann ich solche Bemühungen nur als l'art pour l'art erkennen.