Das Anreiten: Der konventionelle Weg
Aller Anfang ist schwer:
Das Anreiten des jungen Pferdes
Von Maren Jonasdofsky
Das Anreiten eines jungen Pferdes kann auf vielerlei Arten erfolgen. Jeder Ausbilder hat seine eigene Methode oder Herangehensweise, die sich von der seiner Kollegen und Kolleginnen unterscheidet. Der eine bevorzugt die Pferde frisch von der Koppel weg, während die andere vorher Wert auf erzieherische Arbeit an der Longe legt, der dritte wiederum orientiert sich an der „all at once“ – Methode eines Monty Roberts und der vierte schließlich liegt im Dauerclinch mit seinen täglich reitenden Kollegen, weil er den Zeitplan „Einen Tag reiten – einen Tag Ruhe“ propagiert. Je populärer der Ausbilder und je größer der Name, desto dogmatischer oft das Auftreten und desto höher auch die Preise – und umso unerreichbarer für den Besitzer eines „normalen“ jungen Pferdes.
Nachfolgend beschreiben wir eine der konventionellen Methoden des Anreitens.
Keine ultimative Methode
Dabei wollen all diese verschiedenen Wege doch im Idealfall dasselbe erreichen: Ein ausgeglichenes, feinfühliges, williges, zufriedenes und am Reiter interessiertes junges Pferd mit einer soliden und unverdorbenen Basis für weitere reiterliche Ausbildung.
DIE ultimative Methode zum Anreiten eines jungen Pferdes gibt es nicht – das muss man fairerweise bereits zu Beginn dieses Artikels sagen.
Pferdewirtschaftsmeister
Christian Kraft
Was ein junges Pferd von einem Trainer erwarten könnte, verrät stellvertretend der folgende Einblick in die Arbeitsweise eines Ausbilders. Christian Kraft ist Pferdewirtschaftsmeister und Pächter der Reitanlage des Reitvereins Villingen-Schwenningen:
„Das Anreiten eines jungen Pferdes erfordert nicht nur viel Gefühl für das Tier – Kenntnisse über Muskulatur und Skelett und deren Entwicklung sind unerlässlich. Und nicht zuletzt sind Geduld und die Einsicht gefragt, dass der Lernfortschritt auch bei höchster Kompetenz und Erfahrung des Ausbilders immer vom körperlichen und psychischen Bereitschaftsgrad des Pferdes abhängt, dem Programm seines Reiters zu folgen bzw. folgen zu können. Grundsätzliches Gebot ist, das Pferd möglichst schonend auszubilden, um seine Gesundheit zu erhalten. Setzt sich der Ausbilder darüber hinweg, was leider nur allzu oft geschieht, so geht das immer auf Kosten des Pferdes. Trotz dieser Anforderungen ist das Anreiten und das Begleiten der „ersten Schritte“ für mich einer der schönsten Bereiche in der Arbeit mit Pferden.
Pferde-TÜV
Bevor mit der Arbeit begonnen wird, ist ein Feststellen des Ist-Zustandes unumgänglich. Dieser Vorgang ist weitestgehend mit einer als „TÜV“ bekannten Ankaufsuntersuchung zu vergleichen. Hierbei geht es darum gesundheitliche Mängel oder eventuelle körperliche Schwachstellen aufzudecken, die eine vielleicht geplante, sportliche Nutzung oder das ganz normale Anreiten beeinträchtigen.
Ein Pferd, das nicht weit genug entwickelt ist oder gesundheitliche Mängel aufweist, wird den Anforderungen, die das Anreiten an den gesamten Organismus stellt, nicht gewachsen sein. Daraus können Widersetzlichkeit, Verspannungen, Lahmheiten oder Ähnliches resultieren: Eine gute Zusammenarbeit zwischen Hufschmied, Tierarzt, Ausbilder und Besitzer ist unerlässlich.
Fütterung
Ebenso ist die bedarfsgerechte Fütterung ein fundamentaler Baustein der Ausbildung – Muskelaufbau z.B. geht Hand in Hand mit erhöhtem Bedarf an Magnesium, Vitamin E und Selen.
In unserem Betrieb erhält das Pferd, sofern es noch ganz roh ist, zuerst eine Grundausbildung im „Benimm“. Das heißt, sich aufhalftern, anbinden, führen und putzen zu lassen sowie das Hufe geben sind absolutes Muss.
Parallel dazu lernt das Pferd beim Freilaufen in der Halle den Respekt vor der Peitsche und das Bewegen in Schritt, Trab und Galopp am Hufschlag ohne die Hand von sich aus zu wechseln. Freispringen erleichtert die Arbeit und verschafft Abwechslung (hierbei ist unbedingt auf verhängte Spiegel zu achten). Außerdem sollten beim Laufen lassen immer mindestens zwei Personen mit geeigneten Peitschen anwesend sein. Mindestens zehn Minuten Schritt vor der Arbeit (beim rohen Pferd: führen) sind vor allem im Winter absolut unumgänglich, um in den Gelenken die nötige „Betriebstemperatur“ zu erzeugen.
Erstes Longieren
Nach etwa drei bis fünf Tagen beginnen wir auf einem begrenzten Longierzirkel mit der Longenarbeit – ohne Absperren artet das Longieren oft in eine Art „Tauziehen“ aus. Als Ausrüstung benutze ich für die ersten Runden an der Longe lediglich ein Stallhalfter sowie in der Regel Gamaschen (Vorsicht beim ersten Anlegen und bei den ersten Schritten – rutschfester Boden sehr wichtig, falls das Pferd erschrickt!) Die meisten Pferde lassen sich besser links als rechts longieren, wobei ich grundsätzlich auf der „besseren“ Hand beginne. Die Hauptschwierigkeit liegt darin, ein Umdrehen des Pferdes zu verhindern, was nicht ganz einfach ist und etwas Erfahrung braucht. Grundsätzlich gilt, dass man beim Longieren eines jungen Pferdes eher „hinter“ als „vor“ dem Pferd sein sollte, um ein Kehrtmachen nicht zu provozieren und immer nach vorne treiben zu können. Das Pferd lernt jetzt den Longenführer als „Bezugsperson“ und seine Stimmhilfen kennen – der Longenführer sollte als wichtige Vertrauensperson daher auch nicht gewechselt werden, wenn der Reiter die ersten Male auf dem Pferd sitzt.
Gewöhnen an Trense und Sattel
Überraschenderweise macht das Gewöhnen an das Zaumzeug normalerweise kaum Schwierigkeiten, das Anlegen der Trense ist in der Regel problemlos möglich. Beim Sattel ist darauf zu achten, dass die Bügel ausgeschnallt oder festgegurtet werden und ein zusätzlicher (elastischer) Deckengurt die Sattelblätter sichert, um ein Hochfliegen in der Bewegung zu verhindern. Dieser Gurt kann auch verwendet werden, um das Pferd vor dem ersten Auflegen des Sattels an den Druck in der Gurtlage zu gewöhnen – der Sattel ruft meist nicht wegen des Gewichts im Rücken, sondern wegen des Drucks in der Gurtlage Widerstand hervor.
Gesattelt wird bei uns grundsätzlich in der Stallgasse, aber mit relativ losem Gurt. In der Halle angekommen wird der Gurt am besten mit einem zweiten Helfer langsam nachgezogen, dazwischen immer wieder ein oder zwei Runden Schritt geführt. Wichtig ist, dass der Sattelgurt vor dem ersten Antraben fest genug ist, um ein seitliches Verrutschen zu verhindern.
Über das Zaumzeug ziehen wir grundsätzlich ein gut sitzendes Stallhalfter, an dem die Longe im seitlichen Ring verschnallt wird.
Ausbindezügel jeglicher Art haben nach meiner Auffassung zu Beginn der Gewöhnungsphase absolut nichts am Pferd zu suchen. Auf das Mundstück, bevorzugt eine Wassertrense, einfach gebrochen und nicht zu dick, sollte jetzt noch keinerlei Zug oder Druck kommen.
Jetzt geht es darum, dass das Pferd sich auf beiden Händen im Schritt, Trab und Galopp longieren lässt und den Stimmhilfen des Longenführers folgt. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das erste Aufsitzen. Außerdem sollten keine Abwehrreaktionen auf die Ausrüstungsgegenstände wie Sattel, Trense, Gamaschen, Longierpeitsche usw. gezeigt werden. In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig, dass das Pferd seinen Bewegungsdrang durch Freilaufen oder besser Weidegang auslebt. Daher wird das junge Pferd bei uns zusätzlich zur eigentlichen Arbeit noch einmal täglich zum Freilaufen in die Halle gebraucht und erhält außerdem Koppelgang. Die Arbeit an sich kann dann zeitlich etwas verkürzt werden, dafür sollte sie aber täglich stattfinden. Pausen verzögern die Gewöhnung vor allem an Sattel und Gurt enorm.
Mehr Bewegung
Zusätzliche Bewegung halte ich für sehr wichtig, da es dann zu einem sonst häufigen Austoben oder Spannungen bei der Arbeit gar nicht erst kommt.
Mehr Bewegung (ohne dass das Pferd dabei „arbeiten“ muss) löst viele Probleme in der eigentlichen Arbeitsphase! Das erste Aufsitzen erfolgt dann in einer Ecke der Reithalle. Durch diese Position ist eine „Flucht nach vorn“ für das Pferd nicht möglich, der vertraute Longenführer steht seitlich am Kopf und kontrolliert permanent Augen- und Ohrenspiel seines „Schülers“, während der Reiter den Bügel belastet (bei empfindlichen Pferden wird der Reiter von einem zusätzlichen Helfer in den Bügel gehoben). Nach mehrmaligen Wiederholungen beugt sich der Reiter über den Sattel. Je nachdem, wie unser Pferd reagiert, ist dies erst am nächsten oder übernächsten Tag möglich. Ist der Reiter schließlich über und dann auch auf dem Sattel akzeptiert, wird das Pferd angeführt. Eine halbe oder ganze Runde auf dem Zirkel, dann loben und absteigen, Arbeit beenden. So geht es schrittweise weiter und spätestens nach einer Woche lassen sich alle Pferde ruhig im Schritt mit Reiter führen. Als nächstes traben wir das Pferd mit dem noch passiven Reiter an der Hand, was am besten geradeaus am Hufschlag gelingt. Erst wenn es hier keine Probleme gibt, kann unser Pferd auch mit Reiter auf dem abgesperrten Zirkel longiert werden.
Reiten ohne Longe
Die Stimmhilfen des Longenführers treten langsam zugunsten denen des Reiters zurück. Kann das Pferd auf Reiterhilfe antraben und durchparieren, und erst dann, bekommt der Reiter den Zügel in die Hand. Ab diesem Punkt beginnen wir jetzt auch, das Pferd bei der Longenarbeit ohne Reiter auszubinden, meist mit Halsverlängerer oder einfachen Ausbindern - geritten wird aber immer „ohne“! Der Zügel wird durch den Aufsteigriemen gefädelt, damit er im Falle eines Sturzes nicht über den Kopf rutscht und das Pferd nicht hineintreten kann.
Lässt sich das Pferd auf beiden Händen sicher antraben und durchparieren, wird die Longe ausgeschnallt und das Pferd zuerst noch auf dem abgesperrten Zirkel, dann aber auch schon „Ganze Bahn“ geritten. Immer noch steht die bekannte Bezugsperson mit Peitsche in der Mitte und unterstützt den Reiter von unten. Wir haben mit dieser Methode des Anreitens nie schlechte Erfahrungen gemacht. Wichtig ist, dem Pferd für die ersten Schritte solange Zeit zu geben, bis alles in völliger Ruhe abläuft, die Atmung des Pferdes ist hierfür ein wichtiger und zuverlässiger Indikator.
Innerhalb von sechs bis acht Wochen lässt sich so eine völlig rohe Remonte mindestens im Schritt und Trab auf beiden Händen arbeiten."
Über die Herangehensweise des Pferdewirtschaftsmeisters Christian Kraft ließe sich im Detail noch ausführlich diskutieren, aber sie ist ebenso auf jahrelanger alltäglicher Praxis gewachsen wie z.B. die zur Zeit oft vorgeführte Methode eines Ausbilders, den gesamten Vorgang des Anreitens auf etwa 30 bis 40 Minuten zu verkürzen oder der dem eigentlichen Anreiten vorausgehende formgebende und ausgiebige Einsatz von Kappzaum, Unter- und Oberzügel.
Das Anreiten eines jungen Pferdes ist arbeits- und zeitintensiv. Wenn Sie Ihr Pferd einem Ausbilder in die Hand geben, werden Sie aufmerksam bei Versprechungen wie „In vier Wochen geht er seine erste Materialprüfung“. Junge Pferde sind keine berechenbaren Standardartikel und die Abfolge der einzelnen Ausbildungsschritte sind zeitlich nicht genau planbar, weil das Pferd sie mit seinen persönlichen Fortschritten vorgibt. Ein guter Ausbilder lehnt auch einmal ein Pferd ab, wenn es ihm noch zu unreif erscheint – nicht alle Pferde können dreijährig bereits unter den Sattel genommen werden.
Das Anreiten ist prägend für das Verhalten des Pferdes zu seiner künftigen Arbeit. An einer sorgfältigen, ruhigen und korrekten Basis werden Sie ebenso lange Freude haben wie der Ärger über den Sattelgurt anhält, der Ihrer sensiblen Remonte fünfmal bis zum Anschlag „zugeknallt“ wurde – für immer. Übertriebener Ehrgeiz des Ausbilders ist deshalb ebenso fehl am Platz wie ein inkonsequentes Verhätscheln.
Das korrekte Anreiten fremder Pferde ist für den Bereiter mit viel Idealismus verbunden. Man investiert sehr viel Arbeit für verhältnismäßig wenig Geld in ein Pferd, auf dessen weitere Ausbildung man in der Regel keinen oder kaum Einfluss hat, das man vielleicht nie wieder sieht. Gute „Erstreiter“ werden selten Werbung machen müssen für ihre Arbeit und wirken meist im Verborgenen. Hören Sie deshalb genau hin, wenn andere von Erfahrungswerten berichten. Professioneller Turniersport und berufsmäßiges Anreiten junger Pferde schließen sich in der Regel gegenseitig aus – es fehlt einfach die notwendige Zeit.
Der Tierarzt ist in den ersten Arbeitsjahren Ihres Pferdes ein nicht zu unterschätzender Ausbildungspartner. In den ersten Jahren der Ausbildung verändert sich im Körper des Pferdes noch einiges, die gesamte Entwicklung ist erst mit etwa sieben Jahren komplett abgeschlossen. Durchbrechende Backenzähne, Wechsel des Milchgebisses, Hakenzähne oder Wolfszähne (auch bei Stuten) sollten dem Reiter und Besitzer eines jungen Pferdes immer präsent sein, wenn das Pferd plötzlich aus heiterem Himmel „maulig“ wird. Die Muskulatur verändert sich teilweise schnell, Sättel können daher anfangs innerhalb von Wochen nicht mehr passen oder die Aktivität wichtiger Muskelpartien gerade im Widerrist-/Schulter- und Rückenbereich beeinträchtigen. Es kann mit Hilfe der heutigen, sehr präzisen Röntgengeräte bereits frühzeitig ein Gelenkschip diagnostiziert und gegebenenfalls entfernt werden, noch ehe er unter höherer Belastung Schäden im Gelenk verursachen kann.
Die richtige Haltung des Pferdes trägt viel zur Ausbildung bei. Achten Sie darauf, dass der Stallinhaber ein vernünftiges Grundwissen über Pferdefütterung besitzt. Gerade bei jungen Pferden ist weniger Futter meist mehr – Studien belegen ein deutlich höheres Gesundheitsrisiko für junge Pferde, die schnell „hochgefüttert“ werden oder übergewichtig sind. Mineralfutter ist auf den heutigen nährstoffarmen Weiden ein unerlässliches Zusatzfutter – „Kraftfutter“ braucht ein Dreijähriger dagegen nicht.
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