Die Anlehnung in der Ausbildungsskala

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Die Anlehnung in der Ausbildungsskala

Von Sandra Will

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Die Ausbildungsskala
(FN-Richtlinien, Bd. 1)

Takt
Losgelassenheit
Anlehnung
Schwung
Geraderichten
Versammlung

Ziel:
Durchlässigkeit

„Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung“: Jeder Reitabzeichenanwärter kann die Skala der Ausbildung im Schlaf herbeten. „Schade, dass Pferde nicht lesen können“, wird an der Stelle dann gerne gewitzelt. Wobei sich hinter dem Scherz oft ein Stück Verzweiflung verbirgt. Denn so leicht, wie es sich liest, lässt sich die Skala in der Praxis eben nicht immer abarbeiten. Wäre ja auch zu schön, wenn es sich mit Dressurpferden wie mit Strickmustern verhielte: Punkt für Punkt das Schema nachgestrickt, stehen am Ende ein top ausgebildetes Erfolgspferd und ein glücklicher Reiter.

Aber jeder Reiter und jeder Ausbilder weiß, dass es so einfach und geradlinig nicht ist. Und auch die Richtlinien für Reiten und Fahren der FN sagen im ersten Band deutlich, dass keiner der sechs Punkte in der Ausbildungsskala für sich allein stehen kann. Vielmehr handelt es sich um ein Wechselspiel, denn alle Faktoren sind voneinander abhängig. Die Anlehnung spielt darin eine zentrale Rolle.

Die Ausbildungsskala beginnt mit Takt und Losgelassenheit - zwei Begriffe, die immer gemeinsam auftreten. Das eine ist ohne das andere nicht möglich, und es gibt mit gutem Grund Diskussionen darüber, wem nun Platz 1 in der Skala gebührt. Beides zusammen soll jedoch die stabile Basis für den dritten Punkt bilden: die Anlehnung. Soweit, so einfach – sofern das Pferd wirklich taktmäßig und losgelassen läuft. Tut es das nicht, wird der Reiter aber kaum weiter kommen, wenn er nicht eine Anlehnung herstellt. Er kann versuchen, das Pferd mit Hilfe von Ausbindezügeln die Anlehnung an der Longe finden zu lassen, oder er versucht es gleich vom Sattel aus. Aber ob an der Longe oder unter dem Sattel - der Takt lässt sich ohne Rückmeldung über das Gebiss nicht beeinflussen. Losgelassenheit wiederum kann sich ohne Takt nicht einstellen. Hier beginnt also das Dilemma: Keine Anlehnung ohne Takt und Losgelassenheit, aber auch kein Takt und somit keine Losgelassenheit ohne Anlehnung.

Es folgt der Schwung, Punkt vier der Ausbildungsskala. Die Richtlinien sagen dazu, dass Schwung „die Übertragung des energischen Impulses aus der Hinterhand auf die Gesamt-Vorwärtsbewegung des Pferdes“ sei. Wieder braucht der Reiter die Zügelverbindung, um den Impuls von der Hinterhand in Schwung umzusetzen. Nur so kann der Vorwärtsimpuls aus dem Hinterbein bis ins Pferdemaul übertragen und von dort wieder zurück gespielt werden. Abermals rückt die Anlehnung in den Mittelpunkt, mit Takt und Losgelassenheit im Gefolge. Denn es ist ein Irrtum zu glauben, dass mit steigendem Schwung auch die Anlehnung stärker und härter werden muss. Im Gegenteil: Die Richtlinien fordern ganz eindeutig, dass das Pferd losgelassen und mit federnd schwingendem Rücken und einer weichen, korrekten Anlehnung in den Schwung geritten werden soll.

Takt, Losgelassenheit und Anlehnung ergeben also den Schwung. Jedoch wird ein Pferd nur dann seinen optimalen Schwung entwickeln, wenn es auch gerade gerichtet ist – auch beim fünften Punkt der Skala zeigt sich, dass die einzelnen Faktoren vielfältig miteinander vernetzt sind. Für das Geraderichten braucht der Reiter wieder die Anlehnung: Er muss sein Pferd exakt und kontrolliert in ein- und mehrspurigen Hufschlagfiguren biegen und stellen können. Und in der Ausbildungsphase ist das ohne Zügelverbindung nicht möglich.

Aber auch umgekehrt wird die Anlehnung erst auf einem gerade gerichteten Pferd perfekt. Vorher wird der Reiter damit zu kämpfen haben, dass die Zügel nicht gleichmäßig anstehen – der Zügel auf der hohlen Seite hängt eher durch und neigt zum Springen, der andere steht zu fest an. Erst wenn der Reiter sein Pferd gerade gerichtet hat, kann er es gleichmäßig an beide Zügel reiten und eine perfekte Anlehnung herstellen. Wieder geht eins nicht ohne das andere.

Bleibt die Versammlung, Schluss und Höhepunkt der Ausbildungsskala. Das versammelte Pferd soll „vermehrt unter den Schwerpunkt treten“. Die Last, die zu Beginn der Ausbildung zum größten Teil auf den Vorderbeinen ruht, soll mehr und mehr zu den Hinterbeinen hin verschoben werden. Dennoch bleibt diese Definition etwas unklar. Fotos belegen, dass ein Pferd in den höchst versammelten Gangarten Passage oder Piaffe gar nicht vermehrt unter den Schwerpunkt tritt. Im Gegenteil tritt das Pferd in der Passage erheblich kürzer als etwa im Renntrab. Aufschlussreicher ist die Definition, dass die Bewegungen des versammelten Pferdes eher nach oben als nach vorn gehen. In der Versammlung bewegt sich das Pferd erhabener mit weniger Raumgewinn.

Die Versammlung krönt die Ausbildungsskala - ohne Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung und Geraderichten ist keine Versammlung möglich. Und umgekehrt: Erst in der Versammlung kann der Takt das höchstmögliche Gleichmaß erreichen, die Losgelassenheit vollkommen werden, die Anlehnung die größtmögliche Leichtigkeit erreichen, der Schwung voll entwickelt werden und die Geraderichtung in vollendeter Balance sein. Nur das bis zur Versammlung ausgebildete Pferd wird die vorigen Punkte in ausgereifter Form bewältigen können. Das gilt ganz besonders für die Anlehnung: Beim versammelten Pferd kann es sich der Reiter unter Umständen sogar leisten, die Anlehnung aufzugeben – die Zügel hängen für Momente durch, und das Pferd gibt die Kommunikation mit der Reiterhand dennoch nicht auf.

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