Leser-Erfahrungen beim Anreiten

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Mit Ruhe und Bedacht:

Erfahrungen beim Anreiten

 

Wir wollten es von Ihnen wissen: Wie haben Sie ihr Pferd angeritten? Mit Profi oder ohne? Welche Methode hat sich bewährt?
Wir freuen uns über weitere Erfahrungsberichte,
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Ich habe mein Pferd mit doppelt gebrochenem Dutton Bit und Kappzaum eingeritten. Anfangs hatte ich einen Westernsattel, den ich wegen seiner breiten Auflagefläche für das Pferd und dem sicheren Sitz für mich sehr geschätzt habe. Meiner Meinung nach ist es gut, mit dem jungen Pferd im Viereck erst mal "Gas geben" und "Bremsen" zu üben. Das Ganze erst an der Hand und dann unter dem Reiter. Klappt das im Schritt und im Trab, gehe ich mit einem zuverlässigen Begleitpferd im Schritt ins Gelände. Das junge Pferd übernimmt meist die relaxte Haltung des Begleitpferdes und trainiert seine Muskulatur gut im Schritt. Klappt das einige Zeit gut und fühlt sich der Reiter mit dem jungen Pferd sicher, kann man es mit ein wenig Trab versuchen. Ich bevorzuge dabei mit dem Jungen hinter dem älteren Pferd zu reiten. Das bietet dem jungen Pferd Abwechslung und gibt ihm Vertrauen in seinen Reiter.

Ina Schalles und Ilustre

 


Luna, unsere 3 1/2 jährige Andalusierstute, wird zur Zeit angeritten. Vorausgegangen ist dem ersten "Aufsitzen" viel Longen- und Bodenarbeit. Sie hat gelernt, tief unter ihren Schwerpunkt zu treten, Last auf der Hinterhand aufzunehmen und sich vorwärts-abwärts zu strecken. Die Stimmkommandos sitzen sehr gut, was mir später auch aus dem Sattel sehr zur Hilfe kommen Luna und Petra Tinedo Moreno, Mönchengladbach. würde, wie ich erfuhr. Mit einer leichten Person übten wir das Auf- und Absteigen, so dass es für Luna schnell zur Routine wurde. Ich als Bezugsperson führte sie mit einem Reiter sowohl im Schritt als auch im Trab. Alles verlief ohne Probleme. Nach diesen gelegentlichen "Ritten" lies ich die Leine nun auch ein wenig lockerer und longierte sie mit Reiter im Sattel. Der Reiter nahm keinerlei Einfluss auf die Zügel, nur die Beinhilfen zum Antreten und Antraben bauten wir langsam mit ein. Da dies alles kein großes Problem darstellte, stieg ich selber in den Sattel und ließ Luna große Bögen im Schritt gehen. Viel Lob und Lecker gab es für jede absolvierte Runde, wir bauten die "Bremse" ein, und hier kam mir die Stimme sehr zur Hilfe. Das einzige Hindernis, das sich zeigte war, dass Luna nicht von Anfang an begriff, wo ich plötzlich war. Sie suchte mich neben sich und trat nicht direkt an. Sie blieb oft stehen und drehte den Kopf zu mir, um mich zu suchen, dies stellte sie jedoch sehr schnell ein. Kurze Trabeinheiten folgten im leichten Sitz und am langen Zügel. Ziel meiner jetzigen Arbeit ist es, dass das Pferd lernt, schwungvoll und taktklar vorwärts zu gehen und sich freiwillig nach vorne abstreckt. Die ersten Monate werde ich kaum Einfluss auf den Kopf und dessen Stellung nehmen, da so ein junges Pferd den Kopf noch oft zum Ausbalancieren braucht. Unser erster Versuch des Angaloppierens wurde sofort erwidert, auf ein kurzes "Hopp" in Verbindung mit der Galopphilfe sprang Luna an und ließ sich mit einem kurzen "Brrrr" nach einer halben Zirkelrunde wieder in den Trab zurückholen. Natürlich gefolgt von einem Stopp, Kopf-Herum und Leckerli-Gabe. Hier zeigte sich, wie sehr sich unsere Boden- und Longenarbeit ausgezahlt hatte. Luna wird nun im Stadium des "leichten Anreitens" einmal die Woche 20 Minuten geritten, an zwei bis drei weiteren Tagen wird Boden- und Longenarbeit gemacht. Diese drei bis vier Tage sind für sie vollkommen ausreichend, da sie noch voll in der Entwicklung steckt. Da die Grundgangarten nun so gut wie programmiert sind, wird Luna über den Winter noch einmal eine Ruhepause erhalten und im nächsten Frühjahr/Sommer, wenn sie dann vierjährig ist, werden wir das "Anreiten" ausarbeiten und mit längeren und regelmäßigeren Arbeiten beginnen. Als Grundlage werden wir die Vorarbeit haben, mit der wir bereits in diesem Jahr begonnen haben.
Ich finde die Zeit des Anreitens muss immer individuell auf ein Pferd eingestellt werden. Ein genaues Alter oder ein genaues Maß der Einheiten kann man meiner Meinung nach nicht festlegen. Man muss hier individuell auf das Pferd und seine Bedürfnisse eingehen.

 

Gaby W./Aachen

Ich habe Garrincha 3,5-jährig bekommen. Da war er aus Portugal gerade ans Halfter und Führen gewöhnt. Da ich mir Zeit lassen wollte mit dem Anreiten, habe ich zunächst nur am Boden mit ihm gearbeitet und bin relativ schnell mit ihm zu Fuss ins Gelände gegangen. Viele, viele Stunden sind wir durch die Gegend gelaufen, so dass er praktisch an alles draussen gewöhnt war, einschließlich Bächen, Brücken, befahrenen Strassen etc. Später habe ich ihn dann an den Sattel gewöhnt und er trug ihn auch bei den Spaziergängen. Irgendwann war mein Mann mal dabei und ich bin einfach von einer Bank aus aufgestiegen, er hielt den Strick und wir maschierten weiter. Es war völlig unspektakulär und das Pferd ging, als ob es das schon ewig kannte. Danach bin ich dann immer zu Fuß von zuhause los und unterwegs einfach aufgestiegen und ein Weilchen geritten. Gab es kritische Situationen (Pferde, Monster, steile Berge) bin ich immer wieder abgestiegen, um die Sache von unten stressfrei lösen zu können. Von Anfang an war Geländereiten für uns ganz easy. Nach ein paar Wochen habe ich angefangen, ihn auch auf dem Platz zu reiten. Den ersten Galopp haben wir aber auch erst im Gelände ausprobiert. Von der Zäumung her habe ich mit Kappzaum angefangen, dann Kappzaum mit Trense und vier Zügeln. Weil mir das zuviel "Gedöns" am Kopf war, habe ich den Kappzaum ausgetauscht gegen ein hannoversches Reithalfter, dieses aber verschnallt wie ein englisches. Die Ringe konnte ich dann für die Zügel nutzen. So hatte ich für den Notfall immer noch die Möglichkeit, etwas fester ziehen zu können, ohne gleich im Maul reissen zu müssen. Praktisch habe ich es allerdings äusserst selten gebraucht. Beim Auftrensen habe ich von Anfang an darauf geachtet, dass er das Gebiss freiwillig ins Maul nimmt, anfangs unterstützt durch Leckerli. Er senkt den Kopf so, dass ich bequem auftrensen kann. Diese Art des Anreitens hat zwar etwas länger gedauert, war aber für uns beide völlig stressfrei und es hat von Seiten des Pferdes nie irgendwelche Widerstände gegeben. Ich würde das erste Anreiten niemals in "Profihände" geben - die haben einfach nicht die Zeit und die Ruhe, es in dem langsamen Tempo zu machen.

 

Sabine Bengtsson aus Walsrode über ihre Stute Anuja

AnujaVielleicht vorab, ich bin reine Freizeitreiterin, 41 Jahre alt und fing mit neun Jahren in der typischen Reitschule an. Irgendwann mit 15 hatte ich die Nase voll von der Pferdehaltung in den meisten Reitschulen und der Art der Reitlehrer, ich ritt dann bei einem Trakenerzüchter seine Privatpferde im Gelände. Zwischen 20 und 28 pausierte ich wegen Studium usw., aber der Pferdevirus blieb. Mit Ende 20 begann ich mich wieder intensiv für Pferde zu interessieren, allerdings wollte ich nicht der alten Schiene fortfahren. Mich interessierte ein anderer Umgang mit Pferden, eine artgerechte Haltung und die Arbeitsreitweisen. Und bevor ich mir jemals ein eigenes Pferd anschaffen würde, wollte ich zunächst wissen, was ich wollte und was ich nicht wollte. Also machte ich sehr viele Seminare mit, bei denen es rund um das Pferd ging. Es kristallisierte sich heraus, was für mich ein lohnender Weg zusammen mit einem Pferd werden könnte und was ich auf keinen Fall wollte.

Als wir wieder nach Deutschland zurück kamen, sind wir bald nach unserer Ankunft dorthin gefahren. Sie war jetzt fast 3 Jahre alt und ich war noch entschlossener als zuvor, kein rohes Pferd zu kaufen, da ich soviel über Pferde dazu gelernt hatte in dem Jahr. Die Verantwortung war mir zu groß, und die Angst  etwas zu verderben.  Doch was soll all die Theorie, als ich sie wiedersah und sie mir in die Nase pustete, gab es kein Überlegen mehr. So kam ich zu einer jungen, rohen Stute, die zwar absolut artgerecht und sozialisiert aufgewachsen war, aber ansonsten keinerlei Ausbildung hatte. Durch den freundlichen, konsequenten Umgang bis dato mit ihr, war sie ein Wesen, das vollständig unbedarft war und offen für alles. Ich hatte für mich damals und auch heute noch, nur einen Wunsch, sie bis ins hohe Alter so reiten zu können, das sie gesund bleibt und ihre Persönlichkeit und Lebensfreude nicht zerstört wird. Alles andere was ein Reitpferd vielleicht lernen könnte, wie "Hohe Schule" usw - das kommt oder auch nicht.

So stand ich nun vor der verantwortungsvollen Aufgabe, dass sie ein verlässliches Reitpferd wird und dabei den tollen Charakter und ihre Persönlichkeit nicht durch ein zu schnelles oder hartes Anreiten verdorben wird.

Für mich bedeutete dies, sich ständig weiterzubilden, nicht nur zum Thema Reiten. Denn da sie von Anfang an mit dem Wallach meines Mannes und den Pferden der damaligen Vermieter bei uns am Haus gelebt hat, wollte ich auch zum Thema Haltung, Fütterung, Hufe usw. dazu lernen, um nicht dieselben Fehler zu machen, die ich in der Vergangenheit miterlebt hatte.

Spaziergang mit Anuja
Glücklicherweise arbeite ich selbstständig von zuhause aus und konnte mir so die Zeit optimal einteilen. Sie zog mit etwas über drei Jahren bei uns in den Stall.
Die ersten zwei Jahre bin ich sehr viel mit ihr spazieren gegangen, vor allem in der Erntezeit, wenn die großen Mähdrescher unterwegs waren, oder sie kam mit zum Bauern Spargel kaufen und stand solange geduldig neben mir in der Schlange der Kunden.
Abends saßen mein Mann und ich öfters mal in der Box oder auf der Weide und haben ihnen beim Heufressen zugesehen.
Beim Spazierengehen mußte ich zunächst dafür sorgen, daß sie hinter mir geht, da sie anfangs beschloß vorne weg zu marschieren.
Mit der Zeit klappte es immer besser, so daß sie dann auch neben oder sogar vor mir lief ohne dies auszunutzen.
Dabei habe ich mich aber nicht der methodischen Dinge bedient, die so gern als schnelles Mittel verkauft werden. Ich war konsequent und freundlich, dabei versuche ich sie als Lebewesen zu respektieren und sie würdig zu behandeln, ohne mir auf der Nase herumtanzen zu lassen.
Ich denke diese Mischung hat viel dazu beigetragen, daß sie charakterlich nicht zerstört wurde, wie soviele Pferde, die vielleicht mehr können, aber dafür mechanisch wirken und ohne Leben.
Wenn sie Phasen hatte, wo wir nicht so recht weiterkamen, habe ich mich auch gefragt, was ist mein Teil davon, was habe ich falsch gemacht, denn ich will kein Pferd, das sich nicht traut, zu widersprechen, wenn ich mal was falsch mache oder zuviel verlange.
Sie soll ihre Persönlichkeit behalten und dennoch ein zuverlässiges Reitpferd sein, mehr wollte ich nicht und das ist gar nicht so einfach.  
Ich ließ sie später auch frei im Wald neben mir herlaufen (mache ich immer noch).
 
Mir war wichtig, daß sie eine sehr gute Grundausbildung bekommt, bevor ich mich zum ersten Mal draufsetze.
Das heißt ich habe mit ihr Dinge wie Hufegeben, Anbinden, unangebunden Stehen und Putzen spielerisch, aber kontinuierlich geübt.
Wir wollten, daß beide Pferde eine freundliche, unkomplizierte Art haben, so daß man auch mal für ein paar Tage fortfahren kann, ohne dass die Betreuer die Hände über dem Kopf zusammen schlagen und es nur einmal machen!
Oder dass Tierarzt und Hufschmied gesund bleiben, wenn sie zu unseren Pferden kommen!!!
Zum Spazierengehen habe ich zunächst ein Reitkissen aufgelegt, später einen Sattel. So hat sie den Sattel immer mit etwas Positiven verbunden.
Longieren habe ich zunächst nur auf der ganzen Bahn im Schritt gemacht, damit die Gelenke nicht zu sehr in der ständigen Drehbewegung belastet werden.
Dabei sind wir über Cavalettis gelaufen, Planen und so weiter...
Ich habe versucht, es so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten, außerdem die Trainingseinheiten nicht zu lang anzulegen und ihre Tagesform zu berücksichtigen.
Zum Longieren, übrigens ohne Hilfszügel und auch später beim Anreiten verwendete ich einen leichten Pluvinel-Kappzaum, gerade in der Zeit des Zahnwechsels, mit 4-5 Jahren, hatte ich so nie Stress mit ihr.
Anuja 
Als sie etwas über fünf (!) war und viele mich schon belächelten, weil ich immer noch nebenher ging, hatte ich das Gefühl, daß sie jetzt so langsam geistig und körperlich soweit ist, daß ich mich ab und zu mal draufsetzen kann. Das allererste Mal hat mir mein Mann geholfen, mich auf ihren Rücken zu setzen, als wir auf einer Waldlichtung mit den Pferden zum Grasen waren. Ich hatte nur ein Stallhalfter mit Strick, aber mein Gefühl sagte mir, jetzt ist der Moment...
Ich weiß es noch wie heute, mein Mann half mir per Zigeunerleiter und ich saß oben, sie sah sich nur erstaunt um und graste dann zufrieden weiter.
Es war ein unbeschreibliches Gefühl zum ersten Mal auf meinem Pferd zu sitzen und zwischen ihren Ohren hindurch zu sehen, nachdem ich sie die Zeit davor ja nur von unten her kannte.
 
Noch nie hatte jemand zuvor auf ihrem Rücken gesessen und sie ließ es so freundlich zu.
Ich war tief berührt, zumal ich damals gerade in der Zeit bei unseren Vermietern, mehrfach erlebte, wie ungerittene freundliche Pferde zum sechswöchigen Beritt gingen und mit verstörtem Gesichtsausdruck und ziemlich schwierig wiederkamen.
Das soll nicht heißen, daß ich dies grundsätzlich ablehne, aber ich hatte im Laufe der Vergangenheit viele unwiederbringlich schlechte Dinge miterlebt, bei denen die Pferde nie eine Chance bekamen, zu einem freundlichen, vertrauensvollen Reitpferd zu werden. Zu oft stand Zeitdruck, mangelndes Einfühlungsvermögen und auch die fehlende Bindung zu dem Ausbildungspferd, einem guten Start im Sinne des Pferdes im Wege.
Ich saß nur ein paar Minuten auf ihrem Rücken und sprang dann hinunter, die nächsten Wochen schnappte ich mir ab und zu ein Buch und setzte mich auf meine Stute, während sie auf der Weide graste und ich las dabei. Sie war dabei frei, konnte tun und lassen, was ihr gefiel. Meine Idee war, ihr das Gefühl zu geben, daß sie nicht sofort etwas tun muß, wenn ich aufsteige, sondern daß es ganz normal für sie wird und sie ohne Druck und Stress Freude daran hat, geritten zu werden. Später bin ich dann beim Spazierengehen immer wieder aufgestiegen, mein Mann und sein Wallach waren auch mit und so dehnten wir die Strecken immer mehr aus und sie fühlte sich sicher, da auch ein anderes Pferd dabei war.
Anuja 
Ca. 1,5 Jahre ritt ich sie überwiegend im Gelände, viel geradeaus und nur sehr wenig in der Bahn. Erst ausschließlich mit dem Kappzaum, dann schnallte ich eine Wassertrense ein ohne Zügel, als sie sich an das Gebiß gewöhnt hatte, schnallte ich zwei weitere Zügel an die Trense, nutzte aber überwiegend die Kappzaumzügel, erst ganz zum Schluß schnallte ich die Kappzaumzügel aus und ritt sie an den Trensenzügeln. Mit ca. 6,5  Jahren bin ich dann zum Unterricht mit ihr gegangen und wir haben uns so gemeinsam weitergebildet. Zwischen sieben und acht Jahren war sie körperlich voll ausgewachsen, die Brust war breit geworden und sie sah aus wie ein Pferd und ich war sehr froh, solange Geduld gehabt zu haben. Sie ist jetzt 11,5 und bis heute mein Traumpferd, super gelassen im Gelände, sehr freundlich und nach wie vor unverdorben mit einem Schalk im Nacken. Sie hat schon einigen "Rennern" im Gelände Ruhe gegeben, so daß das andere Pferd und der Besitzer endlich entspannte Ritte hatten.