Leserbrief von Michael Putz

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Folgender Leserbrief von Michael Putz (Ko-Autor der FN-Richtlinien Reiten und Fahren I+II) zum Interview mit Kurd Albrecht von Ziegner erreichte uns:

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Leserbrief für „Dressur-Studien“

Ausgabe 2/2006 Im Gespräch mit Kurd Albrecht von Ziegener

Seit Jahren äußert sich Herr von Ziegener immer wieder sehr kritisch über die Ausbildungsskala des Pferdes, wie sie in der deutschen Reitlehre seit nunmehr über 60 Jahren formuliert und erklärt ist.

Diese Auflistung von wichtigen Ausbildungszielen hat sich in dieser Zeit hervorragend bewährt, was zum Einen dokumentiert wird durch den hohen Standard deutscher Reitausbildung in allen Disziplinen und Ihrem hervorragenden Ansehen in der ganzen Welt. Dass es leider immer wieder Reiter gibt, die sich angeblich dieser Skala verpflichtet fühlen, in ihrer Umsetzung aber wenig konsequent sind, ist sehr bedauerlich. Das Reiten und Ausbilden gemäß der Ausbildungsskala hat sich als optimal pferdegerecht erwiesen; nicht zuletzt deshalb orientiert sich heute die große Mehrzahl aller Reiter und Ausbilder in der ganzen Welt, die sich der klassischen Reitlehre verpflichtet fühlen, an diesem Leitfaden der Ausbildung.

Herr von Ziegener stellt die Reihenfolge, in der die Ausbildungsziele aufgelistet sind, in Frage.

Dazu Folgendes:

Diese sechs Punkte, oder richtiger gesagt, Ausbildungsziele werden gewöhnlich in der festen Reihenfolge Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten und Versammlung aufgezählt, manchmal auch in Form einer Pyramide dargestellt, bei der die unterste Stufe dann für den Takt steht.
Jeder fachlich interessierte Reiter lernt schon in jungen Jahren, z.B. wenn er sich auf erste Reitabzeichenprüfungen vorbereitet, dazu Genaueres. Ganz besonders wird er von seinem Ausbilder hören, und so steht es auch in jedem seriösen Fachbuch, dass man zwar von Skala (Deutsch: Stufenleiter) spricht, dass aber selbstverständlich schon bei der Grundausbildung des jungen Pferdes der hoffentlich erfahrene Reiter von Anfang an mindestens die ersten drei, besser noch die ersten fünf Punkte im Kopf haben muss. Keinesfalls darf versucht werden, immer nur ein Ziel nach dem anderen angehen zu wollen.
Gerade die ersten beiden Ausbildungsziele Takt und Losgelassenheit sind untrennbar miteinander verknüpft. So wird ein Pferd nur dann in der Lage sein, sich im Schritt, Trab und Galopp sicher taktmäßig zu bewegen, wenn es auch sorgfältig und korrekt gelöst wird. Umgekehrt wird dem Reiter die lösende Arbeit nur optimal gelingen, wenn er Kenntnisse über den Bewegungsablauf und besonders Gefühl für den unterschiedlichen Takt der drei Grundgangarten hat. Dies ist die Voraussetzung, um besonders im Trab, aber auch im Schritt und Galopp das individuell für das Pferd passende Grundtempo zu wählen. Im Arbeitstrab, der während der Lösungsphase besonders wichtig ist, beeinträchtigt schon eine geringfügige Über- oder Unterschreitung dieses Grundtempos ganz erheblich die Fähigkeit und Bereitschaft des Pferdes abzuspannen und losgelassen mit hergegebenem Rücken zu gehen.
Man könnte beim Erörtern dieser Zusammenhänge noch weiter gehen und den dritten Punkt Anlehnung mit einbeziehen. Je besser der Reiter nämlich durch ausbalanciertes, geschmeidiges Sitzen und gefühlvolles Treiben an die Hand heran dem Pferd zeigt, wie gut es ist, sich von ihm führen zu lassen, desto schneller findet es auch unter dem Sattel zur Losgelassenheit. Dieses vertrauensvolle Herantreten an eine feine Hand als Kerninhalt des Ausbildungszieles Anlehnung kann durchaus unmittelbar neben Takt und Losgelassenheit gestellt werden, weil erst dadurch eine Kontrolle des Grundtempos und eine eventuell unterstützende Einflußnahme auf das taktmäßige Gehen möglich wird.

Wenn nun Takt und Losgelassenheit so untrennbar nebeneinander stehen, sprechen bei der Entscheidung für eine Reihenfolge bei der Auflistung zwei ernstzunehmende Argumente:

- Takt muss stets als oberstes Kriterium für jegliche Ausbildungsarbeit gesehen werden. Das heißt für jeden Reiter und Ausbilder sollte sofort ein rotes Warnlicht aufleuchten, wenn während des Trainings Taktfehler auftreten, z.B. beim Reiten einer Wendung oder beim Zulegen.
- Die Taktsicherheit eines Pferdes ist für den Beobachter, sei er Ausbilder oder Richter, in jeder Phase der Arbeit sicherlich leichter objektiv zu beurteilen ist als seine Losgelassenheit.

Auch über die Anordnung von Schwung und Geraderichtung lässt sich natürlich trefflich diskutieren:
Die Querverbindung zwischen Anlehnung und Schwung ist gewissermaßen ein Schlüsselelement unserer Ausbildungsskala, und es kann kein Zufall sein, dass diese beiden Ziele nebeneinander und genau in der Mitte platziert sind. Erst wenn ein Pferd dank der Arbeit an den vorgeschalteten Ausbildungszielen mit losgelassenem, schwingenden Rücken genügend vorangeht und dank guten Vertrauens zum Reiter und seiner Hand gelernt hat zu „ziehen“, wird es anfangen vermehrt mit den Hinterbeinen durchzuschwingen.
Das beinhaltet übrigens der berühmte, leider manchmal etwas falsch verstandene Satz von Gustav Steinbrecht „Reite dein Pferd vorwärts und richte es gerade!“

Dieses „Ziehen“ ist ebenfalls Voraussetzung für den Erfolg der lebenslang notwendigen geraderichtenden Arbeit; wenn ein Pferd nicht vertrauensvoll und willig vorangeht, wird es gar nicht möglich sein, die Vorhand vor die Hinterhand zu führen. Ersatzweise wird dann in der Regel ein Geraderichten dadurch versucht, indem man die Hinterhand hinter die Vorhand schiebt. Ergebnis sind nachher Pferde, die in jeder Wendung und bei jeglichem Versammlungsversuch mit den Hinterbeinen ausweichen.
Selbstverständlich muss auch im Verhältnis dieser beiden Ausbildungsziele beachtet werden, dass optimale Schubentwicklung (Schwung) erst möglich ist, wenn das Pferd geraderichtende Arbeit und die dazugehörige Hilfengebung kennt und annimmt.
Weil ein Pferd seine mehr oder weniger ausgeprägte natürliche Schiefe niemals ganz verliert, wird es lebenslänglich nötig sein, darauf einzugehen und täglich wieder gerade zu richten; deshalb ist der Ausdruck Geraderichten auch besser als Geraderichtung.

Auch die Anordnung der Durchlässigkeit als übergeordnetes Ausbildungsziel, welches mit zunehmender Ausbildung und mit zunehmendem Fortschritt in Bezug auf die anderen Ausbildungsziele zunimmt, ist logisch und sehr gut verständlich. Das dem jeweiligen Pferd mögliche Höchstmaß an Durchlässigkeit kann erst erreicht werden, wenn auch Versammlung angenommen wird.
Durchlässigkeit darf aber auf keinen Fall gleichgesetzt werden mit Gehorsam. Es widerspräche aber der gesamten Philosophie unserer Reitlehre, das Abfragen von Übungen und Lektionen in erster Linie als Überprüfung des Gehorsams anzusehen. Es ist ein ganz entscheidender Vorteil unseres Reitsystems, Dressurausbildung als sorgsame Gymnastizierung, nicht aber als Abrichtung zu verstehen.

In dem neuen Handbuch, das die FEI, besonders für ihre Richter, gerade zusammenstellt und demnächst herausgibt, ist die Skala der Ausbildung eines der entscheidenden Essentials.
Über diese Anerkennung guter Grundsätze und ihre zunehmend weltweite Verbreitung sollten alle Pferdefreunde froh sein. Man kann sicherlich guten Gewissens sagen, dass Reiter, die ehrlich und korrekt gemäß dieser Ausbildungsskala arbeiten, zufriedene und gut gehende Pferde haben, die auch lange gehfreudig und gesund bleiben.
Selbstverständlich bleibt reichlich zu tun, damit diese Ausbildungsrichtlinie für klassisch korrektes Reiten überall richtig verstanden und pferdegemäß umgesetzt wird.