Schulterherein trainieren - ohne Halle oder Reitplatz

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Schulterherein trainieren - ohne Halle oder Reitplatz

Von Sandra Will

Sie können von einer Reithalle nur träumen? Der Reitplatz ist wieder einmal überschwemmt oder zugefroren und gleicht eher eine Marslandschaft als einer ebenen Fläche? Oder Sie haben doch die Möglichkeit eine Halle zu nutzen, aber das machen zur selben Zeit auch die anderen lieben Mitreiter, und zum ernsthaften, konzentrierten Arbeiten bleibt kaum Platz? Das sind zwar keine optimalen Bedingungen, um Dressurlektionen zu erarbeiten, aber es geht dennoch.


 

 

 

Wer keine Reithalle zur Verfügung hat, braucht sich beim Üben des Schulterhereins nicht zu ärgern. Denn ausnahmsweise ist dies eine Lektion, die man in Reithallen häufig am schlechtesten trainieren kann. In den meisten Reithallen muss im Schritt der Hufschlag frei bleiben. Somit bleibt in überfüllten Hallen kaum eine Chance, konzentriert am Schulterherein im Schritt zu arbeiten. Auf dem 3. Hufschlag, auf der Mittellinie oder auf dem Zirkel ist es zwar möglich, aber ungleich schwerer.

Da das Schulterherein seine gymnastische Wirkung bereits im Schritt oder sogar verlangsamten Schritt hervorragend entfaltet, lässt es sich auch dann trainieren, wenn Trab- und Galopparbeit auf Außenreitplätzen lange nicht mehr möglich sind.  Am besten wärmt man das Pferd vorher mit einem Spaziergang auf, damit die Gelenke für die Mehrbelastung im Schulterherein auf ungünstigem Boden gut „geschmiert“ sind.

 

Im Gelände

Schulterherein ist auch für Reiter ganz ohne Reitbahn die ideale gymnastizierende Übung, denn man kann es auf jedem halbwegs geraden, ebenen Weg reiten – und als Herausforderung sogar auf ansteigenden oder abschüssigen Wegen. Im Gegensatz zum Zirkel oder selbst einer Volte ist so gut wie kein Raum dafür nötig.

Wer dennoch etwas mehr Platz möchte,  sollte Ausschau nach einem leeren Wanderparkplatz halten, der ein wunderbarer Bahnersatz sein kann. Hier aber nicht vergessen, Pferdeäpfel zu entfernen, sonst handelt man sich leicht den Unmut der anderen Nutzer ein. Auch Stoppelfelder bieten sich an - wobei diese nur mit Zustimmung der Besitzer genutzt werden dürfen.

Während man in der Reithalle durch die Bande eine Begrenzung hat, mit der die Hinterhand des Pferdes "fixiert" werden kann, fehlt einem das im Gelände natürlich. Aber auch hier findet sich Ersatz: Hecken, Zäune und Mauern können Ersatz für die Bande sein. Achtung: Da vor allem am Anfang die Hinterhand sicher ausweichen wird, muss die gewählte Begrenzung natürlich glatt und ungefährlich sein!

Etwas schwieriger, aber dennoch eine gute Hilfe ist es, einfach einen Straßenrand (Wirtschaftswege) als Begrenzung zu nehmen: Solange man alle vier Hufe auf dem Asphalt hört, ist die Hinterhand unter Kontrolle. Herrscht hinten Schweigen, ist die Hinterhand wohl ins grasige Abseits abgedriftet. Und wenn man plötzlich auf der Wegmitte reitet, hat der innere Schenkel wohl nicht genügend gearbeitet, bzw. wies das Reitergewicht dem Pferd nicht die richtige Richtung.

 

Übungsfolgen und Nutzen

Nun lässt es sich wunderbar variieren: Am rechten Wegesrand zehn Meter Schulterherein reiten, dann mit der hergestellten Biegung eine leichte Schlangenlinie zum linken Wegesrand reiten und dort das Schulterherein links fortsetzen.

Oder der Reiter kann auf breiten Wegen mit eingeflochtenen Volten variieren. Fortgeschrittene können auch Schritt-Trab-Übergänge im Schulterherein probieren.

Solche Übungen verkürzen ungeliebte Wegstrecken ungemein. Wenn man leider immer die gleiche, langweilige Asphaltstrecke als Anritt in sein Gelände hat, wird sie mit solchen Übungen sinnvoll genutzt und sowohl Reiter wie auch Pferd werden sich in Zukunft weniger anöden dabei. Stallmütige, heiße Pferde können mit dieser Kraftübung ihr Mütchen bereits ein wenig kühlen und Faulpelze schlafen nicht ein. Oder wenn der Ausreitpartner ein wesentlich langsameres Pferd hat, kann man das eigene mit Schulterherein im Tempo limitieren, ohne ständig „auf der Bremse zu stehen“. 

Notorische Zackler, vor allem die, die zackeln, weil sie zu faul sind, ordentlichen Schritt zu gehen, lernen über Schulterherein übrigens meist sehr schnell, Schritt zu gehen: Jedesmal wenn das Pferd anzackelt, nimmt man es ins Schulterherein. Soll es ruhig zackeln – aber im Schulterherein! Den meisten wird das schnell zu anstrengend und sie fallen in Schritt. Ist man konsequent, wird das Pferd bald lernen, dass es auf eine treibende Hilfe lieber den Schritt beschleunigt, als zu zackeln, weil Schulterherein plus Zackeln noch viel anstrengender ist.

Wenn Pferde dazu neigen, sich heftig zu erschrecken, weil von hinten ein Fahrradfahrer oder Jogger kommt, kann man es früh genug Schulterherein stellen, sodass es mit dem inneren Auge die Bedrohung kommen sieht. Umgekehrt kann man Pferde, die sich vor etwas auf der anderen Seite der Wegstrecke fürchten und einen weiten Bogen darum machen, durch ein in Konterrichtung gestelltes Schulterherein (also Biegung weg von der Gefahr) am Platz zu halten. Gerade an befahrenen Straßen ist es nicht immer angenehm, wenn ein Pferd weit zur Seite ausweicht - das wäre in diesem Fall die Straßenmitte. Wer sein Pferd durch Schulterherein gut kontrollieren kann, ist hier sicherer.

 

Grenzen

Außerhalb einer geeigneten Reitbahn und sobald der Boden nicht optimal ist, wird man das Schulterherein nur im Schritt trainieren können. Für den Trab eignen sich nur gerade Wege, die keine Fahrrinnen aufweisen und einen gleichmäßigen Bodenbelag haben. Fein geschotterte Waldwege bieten diese Qualitäten manchmal, setzen aber ein Pferd mit Hufschutz voraus. Außerdem sollte man, trotz aller Konzentration auf die Übung, immer einen Teil der Sinne auf seine Umgebung richten – sonst könnte das Schulterherein im Kinderwagen einer unvermittelt aufgetauchten Spaziergängergruppe enden.

Auch die Wiederholungsmöglichkeit, wenn es nicht so klappt, unterliegt im Gelände gewissen Beschränkungen, denn der geeignete Weg ist irgendwann zu Ende. Will man nicht zurückreiten, muss man die Übung abbrechen. Das hat allerdings nicht nur Nachteile, schließlich verhindert es auch, sich in eine Übung zu verbeißen.