Spurensuche: Die LDR-Regel und der CHIO
Sonntag, den 08. August 2010 um 18:27 Uhr

The FEI-LDR-Rules and the CHIO: Click here for the English Version
Im Frühsommer legte die FEI fest, dass Low-Deep-Round, LDR, (vorher bekannt als Hyperflexion/Rollkur) vom Reiter auf dem Abreiteplatz maximal zehn Minuten erlaubt ist. Danach müsse das Pferd eine andere Kopf-Hals-Position einnehmen dürfen. Der CHIO in Aachen war das erste große Turnier, wo diese Regel angewendet werden sollte. Eine Spurensuche.
Freitag vormittag, schon um neun Uhr scheint die Sonne unerbittlich heiß auf den Abreiteplatz in der Soers, der nur für Teilnehmer und Pressevertreter einsehbar ist. Der aufmerksame Reporter zückt spätestens jetzt seinen Notizblock, um festzuhalten, ob ein Reiter die Zehn-Minuten-Grenze überschreitet. Ingrid Klimke lässt ihren Abraxxas entspannt abgaloppieren, bei ihr bleiben die Stewards arbeitslos.
Nach zehn Uhr: Ein spanischer Reiter scheint schon einige Zeit auf dem Platz zu sein, der braune Hengst schwitzt aus allen Poren. Das Pferd ist so eng eingestellt, dass es sich bald in die Brust beißen kann. Zehn Minuten später: Das Pferd muss weiter im Galopp seine Runden drehen, an der Kopf-Hals-Position hat sich nichts geändert. Die Kandare ist bis zum Anschlag angezogen, die Zunge beginnt langsam, eine bläuliche Färbung anzunehmen. Reaktion des Stewards: keine.




Reitet vorbildlich ab: Patrik Kittel
Der im vergangenen Jahr in die Negativschlagzeilen geratene Patrik Kittel kommt mit seinem Nachwuchspferd jetzt auch zum morgendlichen Training auf den Platz. Doch statt engem Einrollen lächelt er fröhlich in die Runde und lässt die Zügel lang, trabt locker, lobt sein Pferd und reitet es in Dehnungshaltung. Mittlerweile tummeln sich mehr als 15 Reiter auf dem Platz. Bei der Menge von Reitern fällt es schon einem aufmerksamen Beobachter schwer, minutengenau zu notieren, wann welcher Reiter sein Pferd in welche Kopf-Hals-Position bringt.
Keine Zehn-Minuten-Regel in Aachen
In die Situation, die Zehn-Minuten-Regel anwenden zu müssen, sind die Stewards in Aachen gar nicht erst gekommen. „Die Regel war außer Kraft gesetzt“, erklärte Chef-Steward, Rolf-Peter Fuß, gegenüber den DS auf Nachfrage. Wir veröffentlichen diese Nachricht auf der Homepage der Dressur-Studien und erhalten alsbald eine E-Mail aus der FEI-Pressestelle: Selbstverständlich würde diese Regel immer noch gelten, sie sei nicht abgeschafft worden. Der Aachener Chef-Steward habe da nicht für die FEI gesprochen, sondern nur für sich persönlich, heißt es da.
Rolf-Peter Fuß bleibt jedoch bei seiner Aussage: „In Aachen war auch der FEI Honorary Steward General Dressage, Jacques van Daele, der uns gesagt hat, dass die LDR-Regel nicht angewendet werden soll, weil sie nicht praktikabel ist“. Frank Kempermann, Vorsitzender des FEI-Dressurkomitees und CHIO-Organisator, lässt hingegen knapp mitteilen, dass selbstverständlich alle FEI-Regeln während des Turniers eingehalten worden seien.
Recherche bei der FEI
Währenddessen wird in der FEI-Pressestelle recherchiert, was Jacques van Daele wohl gemeint haben könnte. Und die FEI-Erklärung: Beim CHIO habe es ein Treffen aller Stewards mit van Daele gegeben. Der FEI Steward General Dressage habe die Stewards ermuntert, sich direkt an ihn zu wenden, falls Unsicherheit herrsche. Daneben sei empfohlen worden: Die Stewards müssten sich so verhalten, dass eine Anwendung der Zehn-Minuten-Regel erst gar nicht nötig werde. Und generell habe gegolten: Sowohl das Verteilen von gelben und roten Karten als auch das Anwenden der Zehn-Minuten-Regel habe in Aachen nur in direkter Rücksprache mit dem Steward General Dressage, Jacques van Daele, erfolgen sollen. FEI Dressage Director Trond Asmyr konkretisiert gegenüber den DS: „Das Ziel der Stewards ist es immer, solche unliebsamen Situationen schon im Vorfeld zu verhindern.“
Offiziell also hat die Zehn-Minuten-LDR-Regel noch Bestand. Praktisch ist sie in Aachen nicht angewendet worden. In einem sind sich FEI und Rolf-Peter Fuß ohnehin einig: Dazu habe es in Aachen auch keinerlei Grund gegeben. (cls/Fotos: www.bschnell.de)
Kommentar:
Wer in diesem Jahr beim Abreiten der Dressurreiter in Aachen zugeschaut hat, konnte eines positiv feststellen: Schauerliche Bilder waren wirklich die Ausnahme, auch wenn es sie vereinzelt gab. Die Zuschauer dürfen die begründete Hoffnung haben, dass sich hier tatsächlich etwas positiv entwickelt hat. Übrigens auch und gerade darum, weil viele viel genauer hinschauen und damit indirekt Druck auf die Reiter ausgeübt wird. Und das ist auch gut. Soweit die gute Nachricht.
Die schlechte Nachricht ist, dass die FEI derartig herumeiert und selber nicht weiß, wie sie die eigenen Regeln umsetzen soll, dass es schon peinlich ist. Tatsächlich ist es für einen Steward unmöglich, alle Reiter gleichzeitig minutiös im Blick zu haben und dann auch noch zu notieren, ob für eine Sekunde oder mehr eine andere Kopf-Hals-Position genutzt wird. Die Zehn-Minuten-LDR-Regel ist damit ein zahnloser Tiger.
Dabei ließe sich das doch alles ganz einfach, pragmatisch und simpel regeln: mit einem kompletten LDR-Hyperflexion-Rollkur-Verbot. Denn, ganz logisch betrachtet: Wenn LDR nach zehn Minuten schädlich ist (und das hat die FEI mit dieser Regel ja bestätigt), sich das aber nicht wirksam kontrollieren lässt – dann muss LDR eben ganz von den Abreiteplätzen verschwinden. So einfach könnte das alles sein – wenn es denn gewollt wäre. FEI, übernehmen Sie! (Claudia Sanders)
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