Vertrauen und Dominanz: Nicht nur für Dressurpferde
"Dominanztraining" - Modetrend für Freizeitreiter oder Grundausbildung für Dressurpferde?
Von Sandra Will
„Bodenarbeit? Brauche ich nicht! Vom Sattel aus komme ich überall hin mit meinem Pferd!“ Diese Auffassung ist gar nicht so selten unter Reitersleuten vertreten. Es scheint für manche Reiter ein Gegensatz zu existieren - zwischen Freizeitreitern, die sich mit allerlei Übungen am Boden beschäftigen, und professionellen Reitern, die ihre Pferde vom Sattel aus durch alle Fährnisse lenken. Dahinter steckt die Überzeugung, der ernsthafte Reiter konzentriert sich auf ernsthafte Reiterei, mit dem Ziel, in perfekter Traversale durchs Dressurviereck zu schweben. Da muss er sein Pferd nicht dressieren, damit es auf ein unsichtbares Zeichen des zehn Meter entfernt stehenden Ausbilders freudig in den Hänger trabt. Dabei kann die Bodenarbeit durchaus einen positiven Effekt haben, meinen auch erfahrene Ausbilder: Denn Bodenarbeit kann, indem sie Vertrauen und Dominanz festigt, allen Reitern das Leben leichter machen.
Vertrauen bildet die Basis der Ausbildungsskala
Die Ausbildungsskala der FN listet die Grundbegriffe der Reiterei auf: Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung. Nicht erwähnt werden Dominanz oder Vertrauen. Allerdings gibt es anerkannte Ausbilder, die vor die Ausbildungsskala mindestens zwei weitere Stufen setzen: Vertrauen und Gehorsam. Der Standpunkt von Hans-Walter Dörr, klassischer Ausbilder in Fürstenfeldbruck, ist da eindeutig: "Was ich oft vermisse, sind die Voraussetzungen für Takt und Losgelassenheit. Diese sind Vertrauen, Gehorsam, Gleichgewicht - und noch einmal Vertrauen." (Vgl. Dressur-Studien Printausgabe 1/2005). Auch Helmut Beck-Broichsitter, der leider im letzten Jahr verstorbene Dressur-Ausbilder des Johannenhofs bei Hamburg, definiert in seinem Buch "Was heißt hier klassisch?" diese drei Punkte als die grundlegende Anforderung an jegliche Reiterei.
Dahinter steckt eine Erfahrung, die jeder selbst machen kann: Ein Pferd, das misstrauisch seine Umgebung beäugt, weil es dem Reiter nicht vertraut, oder ein Pferd, das ungehorsam gegen jegliche reiterliche Einwirkung kämpft, kann sich nicht loslassen. Ohne Losgelassenheit wird es keinen Takt finden - und damit ist der gesamten Ausbildungsskala die Grundlage entzogen. Diese Erkenntnis beschreibt auch der internationale Ausbilder Kurd Albrecht von Ziegner in seinem Buch "Elemente der Ausbildung": "In gegenseitigem Vertrauen fühlt sich das Pferd unter seinem Reiter geborgen und ist frei von Furcht.“
Denn aus Sicht des Pferdes ist Dressur eine völlig sinnlose Angelegenheit: Lektionen in der Reitbahn sind für das Pferd höchst abstrakte, willkürlich aneinander gereihte Figuren und Bewegungen, die es zum Überleben nicht braucht. Der Gedanke an Gymnastizierung, der den Reiter bewegt, ist dem Pferd völlig fremd. Gerade deshalb beginnt und endet die Durchlässigkeit, die wir von einem guten Reitpferd verlangen, mit Gehorsam und Vertrauen in den Reiter.
Gelassenheit ist trainierbar
Immer wieder lässt sich jedoch auf Turnierplätzen oder im täglichen Training beobachten, dass es an Vertrauen fehlt: Pferde, die eben noch brillant ihre Dressuraufgabe erledigten, springen aus nichtigem Grund weg, rennen los, bocken oder steigen sogar. "Der hat sich erschreckt!" heißt es dann oft. Doch einige Pferde neigen stärker zum Erschrecken als andere, scheint es. Manche boykottieren auf diese Weise jedes Turnier, jede Vorführung oder sogar die Trainingseinheiten. Sind denn diese Pferde wirklich schreckhafter als andere? Und sind die anderen einfach von Natur aus brav?

Polizeipferde machen es vor: Gelassen und konzentriert erledigen sie Aufgaben, die andere Pferde an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen würden. Menschenmengen, Blaulicht, Krach und Feuer können sie nicht schrecken. Sind Polizeipferde wirklich alle von Natur aus so nervenstark? Gewiss werden sie nach strengen Kriterien ausgesucht - doch das A und O ist das Training, dem diese Pferde unterzogen werden. Dabei bedeutet Training einerseits Gewöhnung, andererseits auch Disziplinierung und wachsenden Gehorsam.
Letztlich macht auch das Dominanz- und Vertrauenstraining nichts anderes: Der Reiter gewöhnt dabei sein Pferd an unterschiedliche Situationen und macht ihm klar: Wo ich bin, ist es sicher. Und wenn du tust, was ich dir sage, geht es dir gut. Michael Geitner beschreibt in seinem Buch "Be strict" seine Beobachtung, dass sich Pferde zu konsequenten Menschen hingezogen fühlen: Je strenger sie sind, desto sicherer fühlt sich das Pferd bei ihnen - solange durch Gerechtigkeit das Vertrauen erhalten bleibt.
Mängel in der Grundausbildung machen das Reiterleben schwer
Gewiss lassen sich reiterliche Schwächen durch Bodenarbeit nur sehr bedingt ausbügeln - vom Training im Round Pen hat noch kein Pferd die Piaffe erlernt. Doch es wirkt sich positiv auf das Dressurtraining aus, nicht ständig mit einem aufmüpfigen Pferd kämpfen zu müssen. Und es reitet sich einfacher, wenn sich das "Erschrecken" auf echte Gefahrensituationen beschränkt und schnell wieder in den Griff zu bekommen ist.
Die amerikanische Bodenarbeitsspezialistin Linda Tellington-Jones befand einst, dass fast alle Probleme im reiterlichen Alltag auf der mangelnden Grunderziehung der Pferde beruhen. Sie entwickelte Übungen, die Gehorsam und Vertrauen fördern. Damit wollte sie gelöste und gelassene Pferde erziehen, um sie zu angenehmen, sicheren Reitpferden zu machen, die nicht zuletzt auch leistungsfähiger seien. Schon vor vielen Jahren sagte sie provokativ, dass deutsche Pferde oft enorm viel könnten, jedoch bemerkenswert schlecht erzogen seien. Und auch heute noch gibt es Reiter, die sich mit ihren hoch ausgebildeten Dressurpferden nicht ins Gelände trauen, weil sich die Pferde außerhalb der sicheren Bande der Reitbahn unberechenbar und ungezogen gebärden. Derartige Problempferde kurierte Tellington Jones, indem sie zurück an die Basis ging, die Grundschule nachholte und Vertrauen und Gehorsam festigte. Dabei soll jedoch nicht nur das Pferd die Schulbank drücken - auch der Reiter muss viel dazulernen.
Jede Art des Reitens, auch das Dressurreiten, beruht in erster Linie auf Kommunikation mit dem Pferd. Kommunikation bedeutet, dass beide Seiten einander zuhören müssen. Zum Zuhören ist aber nur derjenige bereit, der ein Minimum an Disziplin aufbringt und Vertrauen zu seinem Gegenüber hat. Dazu gehört auch das Vertrauen darauf, dass der Gesprächspartner etwas Interessantes zu sagen hat und sich verständlich machen kann.
Reiten ist Kommunikation
Der Kommunikationswissenschaftler und Pferdemann Heinz Welz sagt, dass man auch mit Pferden "nicht nicht kommunizieren kann“. Sobald sich der Mensch einem Pferd nähert, kommuniziert er mit ihm. Leider seien Menschen, bedauert Welz, eher Analphabeten, wenn es um Körpersprache geht. Das Pferd jedoch ist Meister darin. Somit gibt der Mensch seinem Gegenüber Pferd unglaublich viel preis und versteht im Gegenzug meist „kein Wort“ von dem, was es ihm zu sagen hat. In der mangelnden Kommunikation liegen viele Probleme begründet. Denn der Austausch von Informationen beginnt lange, bevor der Reiter in den Sattel steigt.
Sicher ist gutes Reiten auch ein wirksames Kommunikationsmittel zwischen Pferd und Mensch. Gute Reiter mögen daher ohne Bodenarbeit, Dominanztraining oder Round-Pen-Arbeit auskommen und werden trotzdem ein vertrauensvolles und gehorsames Pferd erziehen.
Doch selbst sehr gute Reiter nutzen die Bodenarbeit zur Ausbildung ihrer Reitpferde - sie erweitert die Möglichkeiten der Kommunikation. Der Begriff "Dominanz" kann auch ersetzt werden durch „Kompetenz“, wie es die Pferdetrainerin Bea Borelle bevorzugt. Hohe Kompetenz allein im Sattel auszustrahlen, fällt den meisten Reitern meist sehr schwer, wenn sie nur ein einziges, ihr eigenes Pferd reiten und nicht täglich viele Stunden im Sattel verschiedener Pferde verbringen.
Kompetenz erwerben
Kompetenz baut sich auf, wenn jede Anweisung klar und eindeutig ist und ihre Ausführung auch souverän durchgesetzt werden kann. Dies fällt den meisten Menschen bei einfachen Bodenarbeitsübungen viel leichter als vom Sattel aus - und auf nichts anderem beruhen die Methoden des „Dominanztrainings“: Kompetenz in Situationen zu erwerben, die als Durchschnittsmensch auf jeden Fall gemeistert werden können. Pferde sind Herdentiere, die instinktiv dem hierarchisch Höhergestellten folgen. Nur wenn sie erkennen, dass der Mensch nicht führen kann, machen sie sich selbstständig und treffen ihre eigenen Entscheidungen. Dann beginnen die Probleme für den Menschen. Um sie allein im Sattel zu lösen, braucht der Reiter einen in jeder Situation losgelassenen und sicheren Sitz, große Erfahrung, viel Geschick und Gefühl und nicht zuletzt Know-How.
So empfehlen namhafte Ausbilder aus den verschiedenen reiterlichen Lagern ein Training in Sachen Dominanz, Kompetenz und Vertrauen auch und gerade dann, wenn der Reiter eine dressurmäßige Ausbildung des Pferdes anstrebt. Ab einem bestimmten Stadium der Ausbildung wird eine Wechselwirkung entstehen: Weil das Pferd gehorsam, vertrauensvoll und im Gleichgewicht ist, wird es durchlässig mitarbeiten. Umgekehrt erlaubt diese Durchlässigkeit auf reiterliche Hilfen auch, über Situationen hinweg zu reiten, in denen das Pferd doch einmal schreckhaft oder ungehorsam ist. So wächst die Zufriedenheit bei Reiter und Pferd - ein erstrebenswertes Ziel, für Freizeitreiter wie für Turniersportler.
| < Zurück | Weiter > |
|---|









