» » Spielerisch die Angst verlieren: Reitschulen für Kinder

Spielerisch die Angst verlieren: Reitschulen für Kinder

Geposted in Unterm Sattel | 1

Der Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Angst! Bei Reiter und Pferd“, welches Sie hier bestellen können. DS_Titel_0413_01.indd

Es ist Dienstagnachmittag und es ist bitterkalt. Die Schulpferde hatten am Montag ihren „wohlverdienten“ Ruhetag und freuen sich schon darauf, in der ersten Reitstunde endlich einmal wieder Luft abzulassen. Der Reitlehrer teilt die Pferde zu. „Den Johnny will ich nicht, der ist so groß und buckelt immer. Vor dem habe ich Angst!“ Der Reitlehrer antwortet: „Die anderen wollen ihn auch nicht. Da muss jeder einmal durch.“ Kaum sitzen die Kinder im Sattel, springt das erste Pferd am Hallentor erschrocken zur Seite. Zwei andere Pferde springen gleich mit und auch Johnny spitzt schon erwartungsvoll die Ohren. Die Kinder halten sich verzweifelt an ihren Sätteln fest und sind kreidebleich. Ein paar Runden später nutzt Johnny seine Chance, startet durch, bockt einmal und schon liegt das Kind im Dreck. Es heult und schluchzt: „Auf den steige ich nie wieder auf!“ Der Reitlehrer ist genervt. „Stell dich nicht so an, rauf mit dir. Sonst brauchst du zur nächsten Stunde gar nicht wiederzukommen.“

Vielen (ehemaligen) Reitschülern kommt diese Situation vielleicht bekannt vor. Einige von ihnen werden wohl zur nächsten Reitstunde tatsächlich nicht wiedergekommen sein und das Reiten frühzeitig wieder aufgegeben haben. Marina Lange von der „Natural Kids Ranch“, in der Nähe von Hannover, kann über solche Geschichten nur den Kopf schütteln. „Ich finde das traurig. Ich habe früher selbst Ähnliches erlebt und höre immer wieder davon, von Eltern, die mit ihren Kindern zu uns kommen.“ Sie will mit gutem Beispiel vorangehen und zeigen, dass es auch anders geht. Das Konzept der Natural Kids Ranch beruht auf den Grundsätzen des Natural Horsemanship. „Der natürliche Umgang mit dem Pferd ist unsere Basis. Die Ponys fühlen sich verstanden und arbeiten auf dieser Grundlage gern mit. Dadurch werden Unfälle aufgrund von ‚Unwilligkeit‘ vermieden, gerade auch, weil die Rücksichtnahme auf das Pony bei uns eine sehr große Rolle spielt“, erklärt die Leiterin. Schon die ganz Kleinen ab zwölf Monaten können zusammen mit der Mutter auf dem Pferderücken sitzen. Der Schwerpunkt der Ranch liegt aber weniger auf dem Reiten als auf dem Umgang mit dem Pferd. Für die Sozialpädagogin ist die Angst beim Reiten ein wichtiges Thema, das jedoch in ihrem Alltag kaum Probleme bereitet: „Wir sorgen dafür, dass die Kinder Erfolgserlebnisse haben und lassen Ängste gar nicht erst entstehen.“ Ihre Trainer sind speziell geschult und können auf ihr Wissen über biopsychosoziale Vorgänge in der Entwicklung von Kindern zurückgreifen. „So stellen wir sicher, dass kein Kind über- oder unterfordert wird. Unsere Trainer sind in der Lage zu erkennen, wann Dinge aus welchem Grund nicht oder noch nicht umgesetzt werden können. Sie wissen, mit welchen Methoden sie arbeiten können, um unsere Schwerpunkte, die Entwicklung und Sozialisation der Kinder, gezielt zu fördern.“

In der „Lister Ponyschule“ in Schillerslage steht das Reiten im Vordergrund. Häufig sind Reitschüler der Schule auf den Turnieren in der Region vertreten, ob in der Führzügelklasse, im Springen oder der Dressur. Kinder ab fünf Jahren haben hier die Möglichkeit Reiten zu lernen und bleiben der Schule oft bis ins Jugendlichen- und Erwachsenenalter treu. Gudrun Fett ist eine der beiden Leiterinnen der Ponyschule. Angst beim Reiten ist für die Pferdewirtschaftsmeisterin durchaus ein Thema. „Wir erleben es oft, dass Kinder schon aufgrund mangelnder Selbsterfahrung mit ihrem Körper grundsätzlich ängstlich sind. Viele können heutzutage nicht Fahrrad fahren, manche sind stark übergewichtig. Dazu kommt, dass die Eltern die Angst der Kinder oft zu sehr thematisieren und sie darin noch bestärken.“

Die Natural Kids Ranch. Foto: privat
Die Natural Kids Ranch. Foto: privat

Dass Druck und Zwang nicht die geeigneten Mittel sind, um Ängste der Kinder abzubauen, darin sind sich beide Ausbilderinnen einig. „Alles kann, nichts muss, ist unser Motto“, erklärt Marina Lange. „Bei uns dürfen die Kinder auch ‚nein‘ sagen.“ Ist das Kind unsicher im Umgang mit dem Pferd, greifen die Trainer der Natural Kids Ranch unterstützend ein. „Die Beziehung zum Pferd baut sich so mit der Zeit von selbst auf.“ Gudrun Fett hat die Erfahrung gemacht, dass die Kinder am besten voneinander lernen. „Die Kinder haben viel Gemeinschaftssinn. Da lernen die ängstlichen von den mutigen. Wir ermutigen sie natürlich auch, aber ohne sie unter Druck zu setzen.“
Gerade die ersten Erlebnisse mit Pferden können darüber entscheiden, ob das Verhältnis des Kindes zum Pferd von Vertrauen geprägt ist oder ob die Angst zum ständigen Begleiter wird. Daher werden auf der Natural Kids Ranch alle Kinder grundsätzlich individuell betreut und das Reiten wird spielerisch gestaltet, betont Marina Lange: „In der ersten Stunde unserer Schnupperkurse wird noch gar nicht geritten. Hier geht es zunächst nur um Vertrauensbildung. Dann fangen wir langsam an zu reiten. Erst mit nur einem Pferd, dann nehmen wir ein oder zwei weitere hinzu. Die Kinder führen sich gegenseitig.“
In der Lister Ponyschule werden zur Eingewöhnung spezielle Anfängerkurse angeboten, in denen der Umgang mit dem Pferd im Vordergrund steht. „So können wir individueller auf die Kinder eingehen als später im Gruppenunterricht“, erklärt Gudrun Fett. Auch sie lässt die Kinder sich gegenseitig führen. „Auf diese Weise übernehmen sie Verantwortung und bauen Vertrauen zum Pferd und auch zu den anderen Kindern auf. Wir machen die Erfahrung, dass die Kinder nach diesen Einführungskursen mit viel weniger Angst in ihre erste richtige Reitstunde kommen und viel aufgeschlossener sind.“ Beide Ausbilderinnen legen bei der Eingewöhnung der Kinder viel Wert darauf, ihnen auch das Wesen des Pferdes, seine Eigenarten und Bedürfnisse nahezubringen. Das sei ein wesentliches Element des Natural Horsemanship, betont Marina Lange: „Wir erklären den Kindern auch, dass das Pony eigentlich gar nicht zum Reiten geboren ist und wie großartig es ist, dass es das Kind auf sich sitzen lässt. Bei uns gibt es außerdem ‚Verwöhnstunden‘, in denen die Kinder selbst überlegen sollen, wie sie ihrem Pony Gutes tun können.“
In jedem Fall führt der Weg zum angstfreien Reiten darüber, den Kindern von Beginn an unangenehme Erfahrungen zu ersparen. Ob dies gelingt, hängt von verschiedenen weiteren Faktoren ab. So wird der Auswahl und Ausbildung der Pferde oftmals zu wenig Bedeutung beigemessen. Brave Ponys, die regelmäßig Korrektur geritten werden, sind eine elementare Voraussetzung, um das Unfallrisiko zu mindern und den Kindern Momente der Hilflosigkeit zu ersparen: „Nur ein Pferd, das fein auf Hilfen reagiert, vermittelt Sicherheit und verhindert das Ohnmachtsgefühl, dass das Pony wie ferngesteuert unter dem Kind über den Reitplatz läuft und das Kind nicht einwirken kann“, weiß Marina Lange aus Erfahrung. Auf der Natural Kids Ranch sind zudem alle Ponys als Therapiepferde ausgebildet. Auch Gudrun Fett hält das Korrekturreiten für unabdingbar. Bei Bedarf ergreift sie weitere Maßnahmen, um die Kinder nicht in gefährliche Situationen zu bringen: „Wenn wir merken, dass ein Pony einmal etwas energiegeladener ist, wird es bewegt, bevor die Kinder aufsteigen. Manchmal verkleinern wir dann auch das Viereck und sorgen dafür, dass die Ponys gut beschäftigt werden, zum Beispiel durch Slalomreiten.“ Eine artgerechte Haltung trage ebenfalls zur Sicherheit der Kinder bei, so Marina Lange: „Bei uns leben die Ponys im Offenstall, wo sie rund um die Uhr soziales Verhalten ausleben können. Rangordnungsdiskussionen finden so ausschließlich außerhalb des Unterrichts statt.“

Ein Pferd kann allerdings noch so brav sein, wenn es stolze 1,70 Meter misst und die Füße des Kindes gerade einmal bis knapp unter das Sattelblatt reichen. Einwirkungsmöglichkeiten? Fehlanzeige. Das Scheitern ist vorprogrammiert. In der Verantwortung des Ausbilders liege daher auch die richtige Zusammenstellung der Pferd-Reiter-Paare, sowohl im Hinblick auf die Größenverhältnisse als auch auf die Charaktere, betonen
Marina Lange und Gudrun Fett.

Gudrun Fett hat auch im Gruppenunterricht stets ihr Augenmerk darauf gerichtet, Angstsituationen möglichst gar nicht erst entstehen zu lassen, und handelt je nach Situation. Hat ein Kind beispielsweise Angst davor, dass sein Pony losstürmt, wenn andere galoppieren, wird es kurz an den Zügel genommen, bis die Situation vorbei ist. Wenn sie bemerkt, dass sich ein Kind verkrampft, helfe es meist, es anzufassen, atmen zu lassen und so erst einmal zur Ruhe kommen zu lassen. Auch Ablenkung durch spezielle Aufgabenstellungen sei ein gutes Mittel, um das Kind mit anderen Dingen zu beschäftigen. „Wir versuchen zu klären, worin genau die Angst liegt und sprechen mit dem Kind darüber. Da bei uns wenig passiert, werden die Kinder im Allgemeinen schnell mutig.“

Und wenn trotz aller Vorsicht doch einmal ein Kind vom Pony fällt? „Meist gibt es dann nur Gekicher und das Kind klettert schnell wieder rauf“, lacht Marina Lange. „Der Grund ist in der Regel einfach fehlendes Gleichgewicht. Dabei passiert normalerweise nichts. Wir erklären dem Kind dann, warum es gefallen ist. Aber Ängste nehmen wir natürlich ernst und gehen gegebenenfalls zunächst einen Schritt zurück.“ Um den Kindern den Schrecken des Vom-Pferd-Fallens zu nehmen, werden sie auf der Natural Kids Ranch nach ihrem ersten Sturz mit einer „Runterfallurkunde“ geehrt. „Sie bescheinigt ihnen, dass sie nun ein ‚richtiger Reiter‘ sind.“ Außerdem werde mit den Kindern ein spezielles Falltraining absolviert. „Das gehört bei uns zum Pflichtprogramm“, ergänzt Marina
Lange. Falls sich doch einmal ein Kind dabei verletze, was bisher so gut wie nie vorgekommen sei, stünden den Trainern die Möglichkeit der Einzelbetreuung sowie psychotherapeutische Elemente zur Verfügung. In der Ponyschule gingen Stürze in der Regel auch glimpflich ab, berichtet Gudrun Fett. „Die Kinder ermutigen sich dann schon gegenseitig, wieder aufzusteigen und das Ganze ist schnell vergessen. Wenn das Kind doch zu viel Angst hat, lassen wir es erst einmal wieder führen und Vertrauen aufbauen.“

Verglichen mit ihrer Kindheit habe sich der Kinderreitunterricht deutlich geändert, meint Gudrun Fett. Sie habe selbst erlebt, dass damals noch ein viel rauerer Ton herrschte. „Heute gehen die Reitlehrer pädagogischer an die Sache heran und es wird viel weniger Druck ausgeübt“, sagt sie. Der Umgang mit den Kindern habe sich generell geändert. „Die Eltern hören mehr auf ihre Kinder. Das ist an sich gut, aber oft geben sie meiner Meinung nach auch zu schnell nach, anstatt die Kinder zu ermutigen, Dinge auszuprobieren. Viele Chancen werden dadurch vertan.“ Marina Lange sieht die Situation anders: „Ich denke, es hat sich nicht viel geändert. Die C-Trainer sind nicht genügend pädagogisch geschult. Ein großes Problem sehe ich außerdem darin, dass häufig nicht geeignete oder schlecht ausgebildete Pferde im Schulunterricht genutzt werden.“

Vor der Anmeldung des Kindes in einer Reitschule oder einem Verein ist ein kritischer Blick auf die Unterrichtsmethoden durchaus zu empfehlen. Denn eines steht fest: Für Kinder ist Reiten viel mehr als nur ein Sport. Der Umgang mit dem Pferd ist auch eine faszinierende Beschäftigung mit einem lebenden Wesen und schult die soziale Kompetenz. Umso mehr sollten Reitlehrer und Eltern alles daransetzen, den Kindern den Spaß am Reiten zu erhalten. (Karin Ottemann)

 

Mehr über die Natural Kids Ranch erfahren Sie unter www.naturalkids.de, Informationen über die Lister Ponyschule gibt es unter www.lister-ponyschule.de
Lesetipp:
Armgard Schörle: „PferdeTräume: Ganzheitliche Ansätze im Reitunterricht mit Kindern“, Buch & Bild Verlag Nagold, 2000

 

Der Artikel ist eine Leseprobe aus unserem Heft „Angst! Bei Reiter und Pferd“, welches Sie hier bestellen können.

DS_Titel_0413_01.indd

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Antwort

  1. […] PS: der Text gehört zu einem Artikel aus der Dressurstudien-Fachzeitschrift, für die wir speziell zum Thema „Angst“ ein Interview gaben. Wer diesen Artikel gern lesen möchte, kann dies hier tun: http://www.dressur-studien.de/spielerisch-die-angst-verlieren-reitschulen-fuer-kinder/ […]